Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 603 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim 603 kommen dieser Dynastie hegten und hegen noch immer den Glauben, der Messias werde ein Sproß ihrer Familie sein. Rabbi Schneur Salman aus Ladi, ein Schüler des Rabbi Bär, war der Begründer der Lädier Dynastie. Es gibt außerdem noch zahlreiche andere Dynastien mit Haupt- und Seitenlinien. Die Sekte der Chassidim zeichnete sich auch dadurch aus, daß sie im Gegensatz zum Rabbinismus die Frau emanzipierte. Die Frau, die Chassidah, konnte gleich dem Chassid vom Zaddik empfangen werden und durfte ihn in allen persönlichen Fragen zu Rate ziehen. Ja, es kam sogar vor, daß Frauen eine aktive Rolle im Chassidismus spielten. Vor etwa achtzig Jahren lebte eine solche begnadete Frau, die im Munde der Chassidim „die Jungfrau von Ludomir" genannt wurde.*) Zahlreiche Chassidim wallfahrteten zu dieser Heiligen, die in der Frauenabteilung eines Bethauses residierte und ihren Besuchern die Lehren des Chassidismus predigte. Der Zaddik bedeutet seinen Anhängern „die Grundfeste der Welt", „das Innere der Welt", „die Seele und das Leben der Welt". Die Menschen, die ihn umgeben, sind gleichsam der Körper, der der Seele als Hülle dient. Der Zaddik ist „der Mittler zwischen der Menge und Gott", er ist die Schleuse, durch die das Leben aus dem Urleben in die Glieder seiner Zeitgenossen hineinströmt. Er ist ein Teil der Gottheit; „Gott entnimmt seiner Wesenheit gleichsam ein Lichtbündel, streut es in die Welt und läßt daraus den Zaddik hervorsprießen". Der Zaddik verschmilzt zu einer Einheit mit Gott. In seiner Macht liegt es, Sünden zu vergeben. Jeder Chassid muß ihm beichten. Der Zaddik steht an der Spitze der Chassidim, die mit inniger Einfalt an ihm hängen. Der Chassidismus schärft seinen Anhängern immer wieder schlichten und ungeteilten Glauben an den Zaddik ein. „Nicht darf er, der Chassid", befiehlt Rabbi Nachman von Brazlaw, „von seinen, des Zaddik Worten weichen, weder nach rechts noch nach links; er werfe von sich alle Weisheit, ja seinen Verstand soll er von sich tun, als hätte er überhaupt keinen Verstand, als den er vom Zaddik empfängt." „Mögen dich deine Gedanken nicht überrumpeln, indem sie dir an dem wahren Zaddik Zweifelhaftes zeigen. Denn auch darin gleicht der Zaddik seinem Schöpfer, daß manches an seinen Taten unverständlich bleiben muß. Den Chassid darf es nicht beirren, wenn es ihm auch scheint, daß der Zaddik, Gott behüte, gegen die Thora handele. Denn der Zaddik steht über der Thora, wie sie die Menge zu erfassen vermag. Die Thora ist in seine Hand gegeben, er darf ihren Sinn nach seinem Sinne auslegen. Er selbst ist Gesetz und Recht." Der Zaddik ist eng mit seinen Chassidim verbunden. Er bedarf ihrer, wie sie seiner bedürfen, wie der Körper die Seele und wie die Seele des Körpers bedarf. Der Zaddik ist wohl „der machtvolle Held", aber er kann seiner Anhänger als Mithelfer im Kampfe nicht entbehren. „Wozu braucht ihr euch Gedanken zu machen," sagt Rabbi Nachman zu seinen Chassidim, „nur Bausteine und Kalk gebt mir, ich will erhabene und große Dinge daraus bauen." Und ein anderes Mal sagt er: „Ich vermag alles, was ihr bisher verdorben habt, wieder gut zu machen." Zuweilen gibt sich der Zaddik preis und steigt von seiner Höhe herab, um die Gefallenen zu sich emporzuheben. „Wer seinen Nächsten aus dem Sumpf heben will, muß sich selbst hineinstürzen." Der Zaddik ist stets um seine Anhänger besorgt. „Nicht für eine Stunde wende ich meine Augen von euch ab," schreibt Rabbi Mendel aus Palästina an seine Chassidim in Rußland, „jeder von euch ist in mein Herz eingegraben." *) Über diese chassidische Jeanne d'Arc habe ich in der jüdisch-russischen Zeitung »Jewrejskaja Starina" ausführlich berichtet. 42»