Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 602 (sequence 4)
- Language
- German
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6oz S. A. Horodezky: aus den genannten Ländern in ihre Heimat zurück und suchten dort den Chassidismus in der Ausprägung, die ihm ihr Lehrer gegeben hatte, zu verbreiten. Wie wohltätig die einigende Kraft des Chassidismus schon damals gewirkt hat, ersehen wir aus folgender merkwürdigen Tatsache. Zwischen den spanischen und deutschen Juden in Palästina bestanden schwere Gegensätze, die immer wieder zu neuen Reibungen und unschönen Kämpfen führten. Die Führer der deutschen Juden hatten sich oft über das übelwollende Verhalten der spanischen Juden bitter zu beklagen.*) Als aber im Jahre 5637, also vor etwa 140 Jahren, Rabbi Mendel von Witebsk, der Schüler des Baal-Schern und des Rabbi Bär von Meseritsch, nach Palästina zog und dort dem Chassidismus Anhänger warb, trat bald eine Annäherung der feindlichen Gemeinden ein. Die spanischen Juden begannen, Anschluß an die anderen Juden Palästinas zu suchen, ja sie ließen sich sogar herbei, sich mit deutschen Juden zu verschwägern, was bis dahin verpönt war.**) Sie fanden im Chassidismus den Widerhall der alten jüdischen Mystik, der ihr Sehnen galt. 2. Seit den Essäern, die manche Berührungspunkte mit den Chassidim haben, da ein Hauch ihres Geistes aus Agadah und Kabbalah zu ihnen herübergeweht war, hat es bis zum Auftauchen des Chassidismus innerhalb der jüdischen Gemeinschaft keine Sekte mit besonderen geistigen und sozialen Lebensformen gegeben; denn die Karäer standen außerhalb des offiziellen Judentums. Die Chassidim dagegen bildeten schon recht früh eine wohlorganisierte, selbständige Sekte, ohne sich von der Gesamtheit loszulösen. Sie zerfielen zwar bald in zahlreiche Einzelgruppen, von denen jede ihren Zaddik und Führer hatte. Aber trotz dieser Differenzierung bildeten sie eine innere Einheit, wie Ringe einer Kette. Die verschiedenen Dynastieen und ihre Anhänger standen oft in heftigen Kämpfen einander gegenüber, nach außen aber bildeten sie eine geschlossene Gruppe, stillschweigend ein Schutz- und Trutzbündnis, eine Sekte — die des Chassidismus. An der Spitze dieser Sekte steht der Zaddik, — der Übermensch des Chassidismus. Nicht, durch Wahl der Anhänger an die Spitze berufen, wie etwa bei den Essäern. Der Baal-Schern, der Begründer des Chassidismus, hat selbst seinen Nachfolger, den Rabbi Bär von Meseritsch, bestimmt und ihn in seine Stellung eingeweiht. Nach dessen Tode übernahmen die bedeutendsten seiner Schüler die Führerschaft an verschiedenen Orten. Es gehört zu den äußersten Seltenheiten, daß ein Rabbi durch Wahl eingesetzt wird. Die Führerschaft geht in der Regel auf den Sohn oder die Sohne über. Denn der Sohn des Zaddik ist geheiligt „von Mutterleibe" an,,,heilig durch die heiligen Gedanken seines Vaters in der Stunde der Zeugung — ein Sohn Gottes". In dieser Weise entstanden die verschiedenen „Zaddikim-Dynastien": die Tschernoboler Dynastie, nach ihrem Begründer, dem großen Rabbi Nachum aus Tschernobol (Gouvernement Kiew) genannt, der ein Schüler des Baal-Schern unddes Rabbi Bär war; die Karliner Dynastie, nach Rabbi Aron dem Großen; die Sadagörer Dynastie, auch Rishiner Dynastie genannt, nach Rabbi Israel von Rishin, der später seinen Sitz in Sadagora nahm. Diese ist die älteste chassidische Dynastie, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.Rabbi Israel von Rishin war ein Enkel des Rabbi Abraham, „des Engels*', des Sohns des Rabbi Bär. Die Nach- *) Siehe Luncz: Jerusalem, Heft II. Siehe meinen Aufsatz: Rabbi Mendel von Witebsk im „Hagoren" HeftV.