Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 601 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim 601 Neben diesen ethischen Grundsätzen verhalf der dem Chassidismus eigene Geist des Mysteriösen, der Seelenüberschwang, das starke große Sehnen nach Geistigkeit, nach dem Unendlichen zu einer Versöhnung der Gegensätze, Dieses Streben beseelte den Chassidismus schon bei seiner Entstehung und gelangte durch die Schüler des Baal-Schern und deren Schüler zur vollen Entfaltung. Nicht trennen, sondern vereinigen, nicht niederreißen, sondern aufbauen wollte er, nicht auseinandertreiben, sondern einander nähern. Mußte er auch hie und da zerstören, so geschah es nur, um bauen und erneuern zu können. Denn „um einen Tempel aufzubauen, muß man einen andern niederreißen", oder mit den Worten des Rabbi Jakob Josef von Polna, des Schülers des Baal-Schern: „Ein treuer Arzt, der seinen Patienten liebt und ihm volle Heilung bringen will, muß vorerst die Wunden und kranken Glieder bloßlegen. Erst dann kann er mit der Heilung beginnen. Ebenso ist es mit der Zurechtweisung. Wer dem Gebote: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, nachleben will, muß die kranken Stellen, die Gebrechen der Seele aufdecken, um eine Heilung für sie zu finden." Hatte schon die Kabbalah, die Vorgängerin des Chassidismus, einigend gewirkt, so vermochte dies der Chassidismus mit seiner unverbrauchten neuen Lebenskraft bereits bei seinem ersten Auftreten in einem noch höheren Maße. Unter seiner Fahne sammelten sich bald die verschiedenen Arten der Juden: die aus Litauen, die aus Polen und die aus Wolhynien. Der Chassidismus umspannte mit feinen aber starken Fäden seine weit voneinander getrennten Anhänger in Karlin, Minsk und selbst Wilna, der Feste seiner Gegner, dem Sitze des Wilnaer Gaon. Zuerst im geheimen, dann, als er seine Kräfte wachsen fühlte und sein wahres Antlitz zeigen durfte, offen, ja aggressiv. Er erhob bald den Anspruch, eigene Lebensformen für seine Anhänger zu schaffen — durch besondere Gebetbücher, besondere Bethäuser, besondere Rabbiner, Vorbeter, Schächter und besondere Druckereien.*) So wollte er sich ein eigenes geistiges Zentrum innerhalb der großen jüdischen Gemeinschaft bilden, die ihn mit den schärfsten Mitteln zu bekämpfen begann und selbst vor Bann und Denunziationen nicht zurückscheute. Der Drang nach Ausbreitung war es auch, der Rabbi Bär von Meseritsch, den Nachfolger des Baal-Schern, veranlaßt hatte, nicht die heilige Stadt Medsibosch (Miedzyborz), den Sitz und die Grabstätte seines Vorgängers, sondern Meseritsch zu seiner Residenz zu wählen. Meseritsch (Miedzyrzecze) ist eine wolhynische Grenzstadt, zwischen Litauen und Polen. Rabbi Bär, dieser erste große Organisator des Chassidismus, wollte so kraft seiner gewaltigen Persönlichkeit alle drei Judentypen im Chassidismus vereinigen, was ihm auch in einem gewissen Sinne gelang. Nach seinem Tode kehrten seine Schüler *) Rabbi Moses Schapira aus Slawita, der Sohn des Zadik Rabbi Pinchas von Koretz, des Genossen und Schülers des Baal-Schern, war der erste, der eine spezielle Druckerei „in reiner Heiligkeit" gründete. Diese Druckerei war ausschließlich frommer Literatur vorbehalten und es durften dort weder aufklärerische noch antichassidische Bücher erscheinen. Seine Söhne, die unter dem Namen „die heiligen Brüder Schapira" bekannt sind, kamen infolge einer falschen Beschuldigung ins Gefängnis, erlitten gräßliche Körperstrafen und wurden nach Moskau verbannt. Nach Hause zurückgekehrt, setzten sie die Arbeit ihres Vaters fort. Die Druckerei aber wurde auf Angeberei der „Aufgeklärten" geschlossen. Die in dieser Druckerei erschienene Sohar-Ausgabe gehört zu den großen, von den Chassidim besonders geschätzten Raritäten. Rabbi Nathan, der Schüler des Rabbi Nachman von Brazlaw, gründete in Nemirow eine Spezialdruckerei für chassidische Bücher. Ebenso bestand eine solche in Medsibosch. Die Besitzer dieser Druckereien pflegten die Approbationen für ihre Bücher nicht, wie es damals Brauch war, bei den rabbinischen Autoritäten, sondern bei den Zaddikim einzuholen. Heft 9. 42