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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 600

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1916-12-01
Page
600 (sequence 2)
Language
German
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6oo S. A. Horodezky: Rabbinismus und der Kabbalah. Mit der Überhandnähme der Leiden und Bedrängungen der Juden in Polen nahm auch der Mystizismus überhand und schaffte einen fruchtbaren Boden für die pseudomessianischen Bewegungen des Sabbathai- Zwi und Jakob Franks. Je mehr der Einfluß der Kabbalah zunahm, desto mehr wurde der Rabbinismus zurückgedrängt. Der ihnen innewohnende Gegensatz duldete ihr Zusammensein auf die Dauer nicht. Der Rabbinismus wandte sich nach Litauen, das damals politisch mit Polen verbunden war. Es entstanden dort große Jeschiboth, und die talmudische Gelehrsamkeit mit ihrem rationalistischen Pilpul eroberte sich den Geist der litauischen Juden. Polen aber wurde zum Mittelpunkt der jüdischen Mystik, ohne die talmudische Gelehrsamkeit ganz verschwinden zu lassen. Aus Polen drang die Kabbalah zu den Juden Wolhyniens und der Ukraina, bei denen der Rabbinismus überhaupt nie feste Wurzeln gefaßt hat. So sehen wir, wie sich die Juden trotz der Gleichartigkeit ihrer politischen und geographischen Lage unter dem Einfluß verschiedener geistiger Strömungen zu drei besonderen Typen — man möchte fast sagen Arten — differenzieren: dem rationalistischen, talmudischen Litauens, dem rein mystischen Wolhyniens und der Ukraina und dem rationalistisch-mystischen als Verschmelzung beider Richtungen in Polen. Während also zwischen den polnischen und einerseits den litauischen, andrerseits den wolhynisch-ukrainischen Juden Verbindungsfäden bestanden, befanden sich die litauischen und die wolhynisch-ukrainischen Juden in einem schroffen Gegensatz zueinander. Hatte in der spanischen Ära der Mystizismus seine Überlegenheit gegenüber dem Rationalismus bekundet, so schaute hier der gelehrte litauische Jude mit Geringschätzung auf den wolhynisch-ukrainischen, den „Am- Haarez", den Unwissenden, der selbst in der Kabbalah nichts Neues und Tiefsinniges zu schaffen wußte, sondern lediglich in schlichter Herzenseinfalt an ihr hing. Nur bei den polnischen Juden, die ihnen in der Gläubigkeit nahestanden, fanden die wolhynischen Juden Verständnis und Stütze. In einer solchen Zerklüftung traf der Chassidismus des Baal-Schern die Judenheit an und machte sich zur Aufgabe, zwischen den Extremen zu vermitteln. Gelang es ihm auch nicht, die Judenheit zu einer vollkommenen Einheit zusammenzuschmieden, so vermochte er doch einen großen, ansehnlichen Teil unter einer Fahne zu sammeln. Keine Geistesrichtung war auch geeigneter, die Abgründe zwischen den divergierenden Richtungen zu überbrücken als der Chassidismus. Hat ja der Baal-Schern immer wieder „Zusammenschluß der Genossen" und „Liebe" als Grundsätze seiner Lehre gepredigt. „Ich bin auf diese Welt gekommen*, —• gab er einem zur Antwort, der ihn fragte, weshalb er gegen Kasteiungen und Fasten sei, — „um einen neuen Weg zu zeigen, daß der Mensch darauf bedacht sei, sich drei Dinge zu eigen zu machen: Liebe zu Gott, Liebe zu Israel und Liebe zur Thora. Dann bedarf es der Kasteiungen nicht." Der Chassidismus hatte Liebe und Mitleid für jedermann und nahm selbst die mit offenen Armen auf, die der Rabbinismus aus seinem Lager stieß. „Nicht tadeln und schmähen" — so lehrte der Baal-Schern — „sondern nach einer Rechtfertigung suchen. Bemerkt man etwas Häßliches an einem Menschen, so darf man nicht übersehen, daß auch da Sein Name, gelobt sei er, ruht. Denn kein Ort ist Seiner bar. Man tadle daher keinen Menschen, selbst den Frevler nicht, denn auch im Bösen liegt Gutes und die Lüge bürgt eine Wahrheit in sich". „Weist man seinen Nächsten zurecht, so muß das aus Liebe geschehen." „Auch für seine Feinde soll man beten."

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