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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 598

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Mesopotamien, das Land der Zukunft
Date
1916-12-01
Page
598 (sequence 3)
Language
German
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598 Samuel Krauss: Mesopotamien, das Land der Zukunft liehen Ordnung anlangt, so ist sie nicht so schlimm und jedenfalls nicht unüberwindbar, wie das Beispiel Palästinas lehrt, wo man vor dreißig Jahren dieselben Befürchtungen hegte, wo sich aber die zahlreichen ackerbauenden jüdischen Kolonien trefflich bewährt haben. In Ansehung der Juden ist eben noch ein großer seelischer Wert in Anschlag zu bringen: die Liebe zur heimatlichen Scholle, die Sehnsucht, dort zu leben und zu wandeln, wo einst die Erzväter und die Propheten gelebt und gewandelt hatten. Auch solche Imponderabilien spielen in den Entschlüssen, in der Ausdauer und Tatkraft eines Volkes eine entscheidende Rolle und lösen Gefühle und Kräfte aus, die wohl über die ersten Schwierigkeiten des praktischen Lebens hinweghelfen können. Babylonien aber ist die zweite Heimat des Judentums; hier stand die Wiege Abrahams, hier lebten seine letzten Propheten, hier durchlebte es als starkes Volkstum eine mehr als tausendjährige.Glanzzeit, in der durch den Talmud und die babylonischen Hochschulen das heutige, historische Judentum erst so recht begründet wurde. Eine Heimstätte auf diesem, durch die Geschichte geweihten Boden könnte demjenigen Bruchteil des Judentums, der unstet und gehetzt in der Welt herumirrt, nur recht sein; eine Infiltration in das nahe und gleichartige Palästina würde sich im Laufe der Zeit von selbst ergeben, und wenn es mittlerweile in Palästina zu einer geistigen und religiösen Führerschaft käme, so träte eben ein Zustand ein, der in alter Zeit schon dagewesen ist und den Beteiligten nur zum Segen und zur Förderung ihrer Kräfte gedient hat. Welches soll aber das Reich sein, unter dessen Schutze diese jüdische Kolonie in Mesopotamien begründet werden und erblühen soll? Man muß zugeben, daß das weltumspannende England großzügig genug ist, um auch dort Leben und Gesittung hervorzubringen, wo die Vorbedingungen nicht so obenauf liegen und wo es weit auszuholen gibt. So hat es vor etlichen Jahren allen Ernstes die Provinz Uganda in Afrika mit Juden bevölkern wollen, und dasselbe plant es anscheinend auch mit Mesopotamien, wenn einmal der türkische Bär erlegt sein wird. Wenigstens schreibt das französische Blatt L'Information noch am 28. Juli 1916 in diesem Sinne, und selbiges muß ja gut informiert sein, wenn es seinem Namen Ehre machen soll. England gewänne mit dieser Kolonisation nebenbei auch den Vorteil, daß es in die kompakten Massen der islamitischen Völker von den Gestaden des Bosporus bis nach Indien hinein einen Keil schlagen würde, einen Keil, wo er für diese Völker am empfindlichsten wäre, denn gerade die mesopotamischen Ländergebiete sind auch für die islamitische Welt heilig, als die Stätten ihrer großen Imame und Derwische —1 man denke nur an die Heiligengräber in Kerbela —, als die Zeugen der Macht- und Prachtentfaltung ihrer großen Kalifen. Gerade deshalb aber wird es wohl in absehbarer Zeit nicht dazu kommen, daß hier eine andere als die einzig dazu berufene islamitische Macht herrsche. Für das türkische Reich ist es eine Lebensfrage, daß es diese Gebiete fest in seiner Hand behalte. Verbunden mit dem Deutschen Reich, mit Hilfe der deutschen Bagdadbahn, unter der klugen Führung seiner gegenwärtigen Machthaber, wird es die Rechnung wohl nicht zu Schanden werden sehen. So kann denn einem jüdischen Mesopotamienprojekt unter türkischem Regime näher getreten werden. Eine j ü d i s c h e Besiedelung Mesopotamiens braucht für das türkische Reich absolut nicht von politischen Folgen begleitet zu sein, wohl aber könnten ihm davon die heilsamsten wirtschaftlichen Vorteile erwachsen, Vorteile, wie sie dieses Reich von den palästinensischen Siedelungen bereits hat.

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