Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Mesopotamien, das Land der Zukunft
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 599 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875891-3110569--0840-3110631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
S. A. Horodezky: Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim 599 Noch erst ist Mesopotamien nur ein Land der Zukunft; könnte es, ein zweites Kanaan, nicht auch zum Lande der Verheißung gemacht werden? An der Weltgeschichte wird gewaltig gearbeitet; einen kleinen Gesichtspunkt bloß, vielleicht keinen unnützen, haben auch wir für diese Arbeit aufgestellt. Wien Prof. Samuel Krauss Nachbemerkung der Redaktion. Wir haben der Darlegung des ausgezeichneten Gelehrten gern Raum gegeben, glauben aber den Hinweis nicht unterlassen zu dürfen, daß nach fachmännischer Ansicht, der sich auch die englischen Projekte angeschlossen haben, Mesopotamien, insbesondere seiner Temperatur wegen (nach den Angaben von Willcocks übersteigt z. B. die August-Mitteltemperatur von Bagdad die von Assuan um 2,3, die von Kairo um 6, die von Jerusalem um 10,3 Grad), nur für eine an ein entsprechendes Klima gewöhnte Bevölkerung als Siedlungsland in Betracht kommt. VOM GEMEINSCHAFTSLEBEN DER CHASSIDIM 1. Die Lehre des Rabbinismus, die sich im Mittelalter von Sura und Pumbedita nach Deutschland und Frankreich verpflanzt hatte, verlieh den in diesen Ländern lebenden Juden ein besonderes Gepräge und machte sie im Laufe der Zeit ganz wesensverschieden von den Juden Spaniens, die unter dem Einfluß der dort zur höchsten Entwicklung gelangten jüdischen Mystik, der Kabbalah, standen. Diese geistige Differenzierung führte zu einem tiefen inneren Riß zwischen den beiden Judentypen, dem rationalistischen und dem romantischen. Der spanische Jude schaute auf den deutschen herab und machte in seiner Geringschätzung selbst vor den Gelehrten und Schriftstellern nicht Halt.*) Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien kam es zu einer gewissen Annäherung zwischen den spanischen Juden und denen der anderen Länder — dadurch, daß die Verbannten die jüdische Mystik in ihre neuen Zufluchtsstätten brachten und ihr dort Eingang zu verschaffen wußten. Aber der innere Gegensatz, den Jahrhunderte geschaffen hatten, wurde nicht ganz verwischt. Um jene Zeit breitete sich die jüdische Mystik besonders im Orient (Safed) aus, wo zahlreiche spanische Juden ein gesichertes Asyl gefunden hatten, während sich der Mittelpunkt des Rabbinismus nach Großpolen (Lublin, Krakau, Lemberg) verschob, wo die in Deutschland und Böhmen bedrängten Juden für ihr materielles und geistiges Leben Zuflucht suchten. In der Folge drang dort auch die Kabbalah ein — zunächst die spanische Richtung. Dann kam auch die deutschlurjanische Richtung dazu — aus dem Orient über Italien, das damals rege Handelsbeziehungen zu Polen unterhielt. Die Juden Polens standen demgemäß im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts unter dem Einfluß beider Geistesrichtungen: des •) vgl, Rabbi Salomo Luriah: Vorrede zum Buche „Jam schel Schlomoh".