Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Mesopotamien, das Land der Zukunft
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 597 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mesopotamien, das Land der Zukunft der sich für sie interessiert, und zu Lehr und Frommen all jener, deren Blicke in diesen welthistorischen Tagen mit Recht nach Mesopotamien und seinen „Entwicklungsmöglichkeiten" gerichtet sind, hat sie auch der Schreiber dieses zusammengestellt in einem auf die Juden Mesopotamiens bezüglichen Artikel, der in der „Österreichischen Monatsschrift für den Orient" (Verlag des k. k. österreichischen Handelsmuseums in Wien) vor kurzem erschienen ist. Nicht minder als der Talmud ist lehrreich das Buch der „nabatäischen" Landwirtschaft — die Nabatäer waren ein arabisches Volk, das ehemals diese Gegenden bewohnte — ein Buch, das zwar nicht so alt ist, wie es sich ausgibt, das aber sehr gut Aufschlüsse geben kann, wenn es sich um die alte Landwirtschaft Babyloniens handelt. Daran also, daß man das Land und seine Bodenprodukte nicht kennte, kann es nicht liegen, wenn dieses Land, trotz mancher ermunternder Stimmen, bis auf den heutigen Tag nicht kolonisiert wurde. Nun aber stellt sich, so wird behauptet, der Kolonisation des Landes das mächtige Hindernis entgegen, daß das Land gar zu arm an Menschen sei. Die nötigen Mittel, um die Kanäle neu aufzubauen — die Kosten wurden von dem englischen Ingenieur W. Willcocks auf 29 Millionen türkische Pfund berechnet — könnten am Ende beschafft werden, wie aber diese Kanäle ausnützen, ja sie nur unterhalten, wenn es an menschlicher Kraft gebricht? Um größere Menschenmassen heranzuziehen, müßte die Sicherheit der öffentlichen Zustände eine größere sein, als sie es in jenen Gebieten des türkischen Reichs ist, und da nun einmal damit zu rechnen ist, so ist an europäische Kolonisten nicht zu denken. Die englische Regierung, die mit dem Besitze dieses Landes schon seit Jahren kalkuliert, hätte es in ihrer Gewalt gehabt, mohamedanische Hindus und chinesische Kulis in größeren Massen hierher zu setzen; damit aber hätte sie kaum mehr als ein Proletariervolk sich auf den Hals geladen, das hier ebenso gehungert hätte, wie in seinem Heimatlande. Das Problem wurde schon vor Jahren auch von anderer Seite angefaßt, mit einem Plane, der, so phantastisch er ist, nicht unrealisierbar zu sein scheint. Wie wäre es, wenn man dem verfolgten und auf der ganzen Erde zerstreuten Stamm der Juden hier eine gesicherte Heimstätte bieten würde? Das wären Kolonisten europäischen Schlages, aber von welcher Eigenart! Durch Fleiß und emsige Arbeit könnte dann das Land in ganz kurzer Zeit auf einen ungeahnten Zustand der Wohlfahrt gehoben werden.. Daß Mesopotamien Chancen hat, auch durch den Handel zu erblühen, wird allseits anerkannt und wird auch von solchen betont, die in erster Reihe seinen Bodenreichtum in Betracht ziehen. Welche Chancen würden sich da den jüdischen Ansiedlern eröffnen! Schon wohnt seit undenklichen Zeiten ein starkes, bodenständiges, Ackerbau, Gewerbe und Handel treibendes Judentum in diesen Gegenden, das den neuen Ansiedlern, seinen Brüdern, Kraft und Halt gewähren würde. Die Schwierigkeiten der Besiedelung in größerem Stile beständen freilich auch für die Juden, für diese, bei ihrem Hang zur Kultur und zu gesicherter öffentlicher Ordnung, vielleicht nur noch in größerem Maße. Es ist eben der ewige, leidige circulus vitiosus: die Bewässerungsanlagen können nicht in Stand gehalten werden, bevor nicht größere Menschenmassen in diesen Gebieten angesiedelt sind, und diese wiederum können nicht leben, ohne daß für die Bewässerung großer Strecken, die jetzt eine Sandwüste sind, gesorgt würde. Allein gerade die Juden könnten durch Gewerbe und Handel und durch Anschluß an den vorhandenen Stock ihrer Brüder eine Übergangszeit inaugurieren, und was die Unsicherheit der öffent-