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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 596

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Mesopotamien, das Land der Zukunft
Date
1916-12-01
Page
596 (sequence 1)
Language
German
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596 Samuel Krauss: MESOPOTAMIEN, DAS LAND DER ZUKUNFT Das Land der Zukunft — das klingt anders, klingt zuversichtlicher, als wenn man bloß von „Entwicklungsmöglichkeiten von Mesopotamien" spricht*). „Mesopotamien, das Land der Zukunft" —■ so nennt sich ein Werk, welches kürzlich „von einem deutschen Volkswirt" (der Name wird verschwiegen) erschienen ist**). Die antiken Schriftsteller „fabeln" nicht umsonst von der ungemeinen Fruchtbarkeit des Zweiströmelandes, Die Kanäle, von denen zur Zeit der Assyrier, Babylonier, Sassaniden und auch noch der Kalifen diese große Fruchtbarkeit bedingt war, sind allerdings schon längst ausgetrocknet, aber an den Strecken, wo diese Kanäle noch heute ergiebiges Wasser führen, wird die Fabel zur Wahrheit und das Märchen zur Wirklichkeit. Hören wir, was unser Volkswirt an Reichtümern des Landes kennt. Weizen, Gerste, Baumwolle, Obst (Orangen, Bananen, Pflaumen, Feigen), Wein, Datteln, Ölfrüchte (Hanf, Mandeln, Lein, Safran, Oliven), Reis, Mais, Tabak, Mohn in einer unglaublichen Fülle, und ist einmal die Bodenüppigkeit gar so groß, so kann es nicht ausbleiben, daß auch eine reiche Viehzucht (Pferde, Rinder, Esel, Schafe) mit ihren Erzeugnissen (Häute, Wolle, Pelze) den Pflanzer belohne. Sodann bietet der Boden Mesopotamiens auch reiche Mineralschätze, wie Kupfer, Kohlen, Zink, Blei, Eisen und Erdöle, und selbst damit ist noch nicht alles aufgezählt, was an Reichtümern des Landes groß und nennenswert erscheint. Schon einzelne dieser Früchte könnten in der Versorgung Europas eine große Rolle spielen; man denke nur an die Datteln, die in jenen Ländern allein schon breite Schichten des Volkes ernähren; man denke an die wohlschmeckenden und erfrischenden Bananen, deren Nährwert den der Brotfrucht übertrifft, deren Einfuhr jedoch durch die Seeherrschaft Englands zu jeder Zeit behindert werden kann. Nach Zeitungsberichten soll Runciman den italienischen Landwirten geraten haben, alle nur irgendwie tauglichen Strecken ihres Bodens mit Bananen zu bebauen; ob aber das Experiment nicht fehlschlagen wird? Jedenfalls soll hier etwas erst erprobt werden, was in Mesopotamien völlig sichergestellt ist. Mesopotamien ist uraltes Kulturland, über das uns die Nachrichten tausendfältig zufließen, darunter auch über die Bodenprodukte. Die Orientalisten wissen das sehr genau. Wenn also Stuhlmann, der Verfasser von „Der Kampf um Arabien zwischen der Türkei und England", klagt, daß wir bezüglich Mesopotamiens „durch die Ausgrabungen noch nicht die positiven Unterlagen über die landwirtschaftlichen Produkte hätten, wie dies in Ägypten der Fall ist", so mag das, wenn man darauf erpicht ist, in einzelnen Gräbern wirklich ein paar verkohlte und verwitterte Fruchtkörner zu erblicken, seine Richtigkeit haben, in der Sache aber haben wir nicht zu klagen, denn literarische Berichte in Fülle machen uns mit jeder Einzelheit der alten babylonischen Landwirtschaft bekannt. Auch Leute, die nicht zur Zunft der Orientalisten gehören, werden von den Riesenbänden des „babylonischen" Talmuds was gehört haben, und in diesen Riesenbänden gibt es Tausende und Abertausende von Daten, die auf die alte mesopotamische Landwirtschaft — die zur Zeit der Sassaniden — Bezug haben. Diese Daten sind in deutscher Sprache jedermann zugänglich, #) E._Stuhlmann in seinem Werke „Der Kampf um Arabien zwischen der Türkei und England". Hamburg-Braunschweig 1916. Georg Westermann. **) Bei Clemens Reuschel, Berlin W. 57.

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