Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 594

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Das jüdische Volk und seine Parteien
Date
1916-12-01
Page
594 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875891-3110568--0834-3110626
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

594 M. J. Bodenheimer: Osten die jüdi§jiL£JäGkttle auf der Grundlage der jüdischen Sprache, eine politische Vertretung des jüdischen Volkselements in allen st^dtischennifTcTsTaatlichen wälHingskörpern ganz in gleicher Weise wie die ^anderen, nationalen Minderheiten^ Er verlangt schließlich völlige bürgerlicj^^iejcliherechtigxing nicht nur nach dem Buchstaben der Verfassung, sondern auch in der Verwaltung. Er verlangt deshalb staatsgrundgesetzliche Festlegung der Minoritätsrechte durch ein Matrikelsystem oder nach dem Proportionalwahlsystem. Es ist ohne weiteres klar, wenn man nicht in Wolkenkuckucksheim lebt, daß diese Ideen nur da Aussicht auf Verwirklichung haben, wo jüdische Massen wohnen, die ein ausschlaggebendes Gewicht bei den Wahlkämpfen in die Wagschale werfen können. Dieser Nationalismus kann überdies nur da eine Berechtigung haben, wo er sich auf „die eigentümliche Sprache4', die Muttersprache und die Eigenart der Volkssitten stützen kann. Er kommt also praktisch nur für die Länder des Ostens in Frage. Es wäre der größte Fehler nationalistischer Heißsporne, wenn sie dieses politische Rezept auf das kranke Judentum des Westens verwenden wollten. Hieraus ergibt sich also, daß der konsequente und einseitige Nationalismus nichts für die Juden des Westens oder des Orients oder auch für die amerikanischen Juden bietet. Aber auch für sich selbst bedarf der Nationalismus des Golus einer Ergänzung, die er nur im Zionismus finden kann. Eine noch so glänzende Entwicklung der nationalen Minderheit kann niemals die Freiheit und Kraft eines Mehrheitsvolkes erlangen. Die Minorität bleibt immer dem Einfluß des fremden Kulturkreises, in dem sie lebt, unterworfen. Nur wenn der Zionismus sein Ziel erreicht, kann die Judenheit des Golus auch in den Ländern jüdischer Massensiedlung kulturelle Anregungen gewinnen, die aus einer reinen jüdischen Volksquelle fließen. Eine hfihräische— Volkskultur in Palästina, die im Erdreich der Väter wurzelt, ist die e^^Vqraus- , s^zun£ fürjdie Sch^ der Eigenart des jüdischen Volkes entspringender, urwüchsiger, triebkräftiger Menschheitsv^te, die das J^m^m^)^Jl^t^r Aiifrichten und befru^ton^k^nen. Schließlich ist aber wiederum der Zionismus ohne die Hilfe eines national geeinten Judentums des Ostens zu schwach, sein Ziel zu erreichen. Die großen Aufgaben, denen der Zionismus entgegengeht, setzen geradezu die Erfüllung der nationalen Forderungen des Judentums des Ostens voraus. Nur diese können der Judenheit die wirtschaftliche Macht und den politischen Einfluß schaffen, um in künftiger Zeit eine palästinensische Realpolitik durchzuführen. Wer glaubt, daß dies mit den heutigen Mitteln möglich wäre, kann als Politiker nicht ernst genommen werden. So zeigt es sich, daß der Nationalismus zu seiner Ergänzung des Zionismus bedarf und der Zionismus ohne die Grundlage des Nationalismus aufhört, dem Wohl des gesamten jüdischen Volkes zu dienen. In dieser Übersicht der jüdischen Parteien scheint die Orthodoxie und der Chassidismus der Ostjuden zu fehlen. Es ist aber für jeden Kenner dieser Bewegungen ersichtlich, daß sie nicht zu den politischen Parteien gerechnet werden können. Es sind rein religiöse Vereinigungen, die immer scheitern müssen, wenn sie, wie dies manchmal leider geschieht, sich in das politische Parteileben einmischen. Solange die Orthodoxie sich darauf beschränkt, die Erhaltung der jüdisch-religiösen Tradition zu verteidigen und ihre Übung im modernen Staat zu ermöglichen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.