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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 595

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Das jüdische Volk und seine Parteien
Date
1916-12-01
Page
595 (sequence 6)
Language
German
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Das jüdische Volk und seine Parteien 595 sollte sie von allen Parteien im Judentum auf das energischste unterstützt werden, da doch die traditionelle Religion immer noch das stärkste Band des Judentums bildet. Wenn die Orthodoxie aber Politik treibt, läuft sie Gefahr, auf Grund von Versprechungen der Duldung religiöser Gebräuche und überkommener Einrichtungen politische Rechte preiszugeben, die sie durch die Macht ihrer Massen erringen könnte und die ihr allein die Sicherheit gewährten, daß solche Toleranzversprechen hoher Herren auch gehalten werden. Man hat es erlebt, daß wegen dieses Mangels an politischem Sinn die Orthodoxie im Osten Hand in Hand mit ihrem politischen Todfeind, der Assimilation, marschiert ist und den Führern dieser Partei die politische Macht verschafft hat, die sie programmmäßig zur Unterdrückung jeder jüdischen Eigenart und damit auch der traditionellen Religion verwenden müssen. Wenn wir das jüdische Parteiwesen im ganzen übersehen, ergibt sich vor allem eine große Zersplitterung und Uneinheitlichkeit. Selbst wenn man nicht berücksichtigt, daß in jeder Partei Schattierungen von rechts nach links, zu eigener Parteibildung geführt haben. So finden sich unter den Assimilatoren des Ostens die Extremen und die Neoassimilatoren, unter den Nationalisten die demokratische Volksgruppe und der Jüdische Arbeiterbund, unter den Zionisten die Zione Zion, die politischen Zionisten, die Arbeiterpartei der „Poale Zion" und die religiöse Gruppe des „Misrachi". In Deutschland treibt der Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im wesentlichen Assimilationspolitik. Der Verband deutscher Juden verfolgt eine mittlere Linie durch Zusammenfassung aller Parteirichtungen und religiösen Schattierungen. Leider haben sich auch rein philanthropische Vereine, wie der Hilfsverein Deutscher Juden und die Konferenzgemeinschaft der „Alliance Israelite Universelle" auf politische Wege begeben und dadurch die Reinheit ihrer Ziele gefährdet. In Frankreich ist die „Alliance" selbst schon früher diesen Weg gegangen. Es braucht nach dieser kurzen Übersicht wohl kaum wiederholt zu werden, daß keine jüdische Partei sich der Täuschung hingeben sollte, sie könne dem Volkswillen völlig gerecht werden. Am nächsten käme diesem Ziele wie oben gezeigt der Zionismus, wenn er den lebendigen Zusammenhang mit allen Teilen des Judentums aufrecht erhält und eine Synthese findet, die ihm ermöglicht, gleichzeitig sein Palästinaideal zu fördern und die Aufgaben zu erfüllen, die ihm die realen Interessen des Judentums der Gegenwart in allen Ländern des Golus stellen. Diese Synthese zu finden sollten einsichtige Führer anstreben. Dann würden sie gezwungen, an die Stelle klingender Phrasen praktische volkstümliche Arbeit zu setzen. Nur dann kann der Zionismus im Osten eine echte jüdische Volkspartei und im Westen das anerkannte Zukunftsideal des aufrechten Judentums werden. Köln M- J- Bodenheimer

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