Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Das jüdische Volk und seine Parteien
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 592 (sequence 3)
- Language
- German
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592 M. J. Bodenheimer: Eine Besserung dieses Zustandes kann nur erreicht werden, wenn das jüdische Parteileben von dem Gesichtspunkt der Einheitlichkeit des jüdischen Volkskörpers getragen und ein Kampf nur gegen Auswüchse des Parteilebens und gegen Bestrebungen gerichtet wird, die die Fortexistenz des jüdischen Volkes an seiner Wurzel bedrohen. Dies schließt natürlich nicht aus, daß jede Partei ihre Machtstellung verteidigt, wo sie in einem Wahlkampf bedroht wird. Dabei darf aber niemals vergessen werden, daß der Zweck des Krieges der Friede ist und daß dieser den normalen Zustand bilden soll, daß jeder Kampf zwischen den jüdischen Parteien das Gesamtjudentum schwächt und in seinem Ansehen nach außen schädigt. Die jüdische Partei soll in erster Linie der Durchführung ihrer positiven programmatischen Aufgaben dienen. Eine kurze Betrachtung der hauptsächlichsten jüdischen Parteien der Gegenwart kann hierzu einen Schlüssel bieten. Daß eine Partei bei ihrer schrankenlosen Entfaltung die Existenz ihres Volkes vernichten könnte, wenn sie nicht an ihrem inneren Widerspruch selbst zugrunde ginge, zeigt das Beispiel der jüdischen Assimilationspartei. Es wäre unrecht, sie nicht als eine jüdische Partei betrachten zu wollen, wie dies von fanatischen Gegnern vielfach geschieht, solange sie sich als solche bezeichnet und glaubt, daß eine Anpassung der Juden an die Mehrheitsvölker der verschiedenen Staaten ihnen die völlige wirtschaftliche, soziale und politische Gleichstellung schaffen könne. Auch sie soll der Erhaltung und Förderung des jüdischen Volkes dienen. Sie setzt aber die Spaltung des jüdischen Volkes der Golusländer in verschiedene Zweige voraus, die nur durch die Gemeinsamkeit des Glaubens vereinigt werden und im übrigen dahin streben, in die Mehrheitsvölker aufzugehen. In Wirklichkeit führt diese Anpassung infolge des Asemitismus und Antisemitismus, von dem die Mehrheitsvölker erfüllt sind, notwendigerweise zu einer Entfren> dung vom eigenen Volkstum und zu einer Feindseligkeit gegen alle auf Erhaltung der Eigenart des jüdischen Volkes gerichteten Lebensäußerungen. Dies zeigt sich praktisch daran, daß die zielbewußte Assimilation überall zur Taufe geführt hat. So mündet die Assimilation schließlich darin, daß auch das, was sie vom Judentum erhalten wollte, die Gemeinschaft des Glaubens beseitigt wird. Der Umstand, daß sich hiermit auch alle konsequenten Vertreter dieser Richtung schließlich aus dem Judentum selbst ausschalten, hat zur Folge, daß sie im Augenblick, wo sie die Anpassung für ihre Person vollzogen haben, an allem, was mit dem Judentum nahe oder fern zusammenhängt, nicht das geringste Interesse mehr haben. Es ergibt sich hieraus gleichzeitig, daß die Assimilation nur eine Lösung der Judenfrage für einzelne Individuen, niemals für die Gesamtheit bedeuten kann. Die Assimilation ist besonders gefährlich durch ihre Tendenz, wertvolle, durch Reichtum und Erziehung wichtige Kreise den künftigen Aufgaben des jüdischen Volkes zu entziehen. Wenn sie den Untergang des jüdischen Volkes bis jetzt noch nicht herbeigeführt hat, ist dies neben dessen urwüchsiger Lebenskraft und dem Umstand, daß die Assimilation bis jetzt erst in einzelnen Ländern Spielraum hatte, darauf zurückzuführen, daß sie in ihrer Konsequenz ihre eigene Arbeit zerstört. Zudem kommt, daß die Assimilation lediglich in Russisch-Polen und Galizien sich zu einer politischen Partei entwickelt hat, während sie in den westlichen Ländern