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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 591

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Das jüdische Volk und seine Parteien
Date
1916-12-01
Page
591 (sequence 2)
Language
German
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Das jüdische Volk und seine Parteien 59* Zukunft untrennbar verbunden hält, befindet sich in einem bedauerlichen Irrtum. Dieser kann unter Umständen für die Volksentwicklung verhängnisvoll werden» Wo eine Staatsmacht vorhanden ist, finden die Parteien in dieser und ihrer Verfassung ihre natürliche Beschränkung. Wo aber diese zentrale alle Glieder des Volkes zusammenfassende Instanz fehlt, kann das Überwuchern einer Partei zum Untergang des Volkes führen. Der Staat kann die Auswüchse des Parteilebens beschneiden und eindämmen. Bei dem jüdischen Volk kann diese Wirkung nur durch die Tätigkeit anderer Parteien und die anderen Organe des Volkswillens, die Gemeinden und Vereine, ausgeübt werden. Hieraus ergibt sich eine erhöhte Bedeutung des Gemeinde- und Vereinslebens bei den Juden gegenüber den anderen Völkern. Der Umstand, daß dem jüdischen Volk die Staatsgewalt fehlt, weist der Ausgestaltung seines Parteilebens eine besondere Richtung. Der Staat erfüllt eine Reihe positiver Aufgaben des Volkslebens: er sorgt für den Unterricht, die Erziehung, Kunst, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung, den Ausgleich der Klasseninteressen und die Verteidigung gegenüber anderen Völkern. Die Parteien haben umJStaate mehr die Aufgabe einer gesunden Kritik, der Bekämpfung schädlicher Einzelbestrebungen, wie der ^BSvSz^Säg'SSSSSsr Klassen, Nationalitäten oder Wirtschaftsgruppen. Zu einer positiven Mitarbeit an den Aufgaben des Volkslebens sind sie nur^nebenher^J^er-ufen. Es ist offensichtlich, daß im jüdischen Volk die Gemeinden und Vereine die Aufgabe, die sonst dem Staate zufällt, nur unzureichend erfüllen können. Wo also der Staat den Interessen des jüdischen Volkes teilnahmslos und untätig gegenübersteht, weil seine jüdischen Staatsangehörigen nur einen unbedeutenden Bruchteil seiner Bevölkerung ausmachen, oder weil die Mehrheit der Bevölkerung judenfeindlich ist, da ist es in erster Linie die Aufgabe der politischen Parteien im jüdischen Volk, aufbauend für seine Lebensinteressen tätig zu sein. Dies wird von den jüdischen Führern vielfach vergessen, indem sie die jüdische Politik nach dem Muster der allgemeinen politischen Parteien gestalten. So kommt es, daß bei den jüdischen Parteien die Bekämpfung anderer Parteien, die von Beginn ihrer Tätigkeit als Gegenparteien betrachtet werden, im Vordergrund ihrer Aufgabe zu stehen scheint. Da aber sinngemäß jede jüdische Partei einer positiven Aufgabe im Volksinteresse dient und in dieser Beziehung den fehlenden Staatswillen vertritt, so ergibt sich als Folge, daß eine Partei der anderen nicht nur durch Kritik einer schädlichen Richtung, sondern durch Bekämpfung ihrer gesamten Arbeit im Wege steht. Besonders in den letzten Jahrzehnten, wo der Sinn für politische Aufgaben im jüdischen Volk neu erwacht ist, hat nichts der Volksentwicklung so sehr geschadet, wie diese scharfe Kampfstellung, die die jüdischen Parteien unter- und gegeneinander einnahmen. Bei dem heftigen Temperament der jüdischen Rasse ist es kein Wunder, wenn diese Parteikämpfe innerhalb des Judentums manchmal einen gehässigen Charakter annehmen, der die Parteitätigkeit erschwert und vergiftet. Dj^ schadej„ vor Es raubtauch der im Sonderinteresse derselben unternommenen Tätigkeit die Stoßkraft und verhindert oder beeinträchtigt den Erfolg. Wie sollte auch ein Wagen vorwärts bewegt werden können, an dem die vorgespannten Pferde nach allen vier Richtungen der Windrose streben.

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