Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Erinnerungen an Leo Pinsker
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 589 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerungen an Leo Pinsker 589 der nationalen Wiedergeburt, und besonders berührte es mich unangenehm bei Perez Smolenskin, als ich ihn in Wien 1881 sah. Hier kam der Parvenü zum Vorschein, der bei jedem Erwähnen der armen Verwandtschaft in Entsetzen gerät. Auch Pinsker trug in sich zweifellos die Erbschaft des Maskilismus, die selbst sein großer Geist, der sich darüber emporhob und alle Säulen dieser zermürbten Aufklärerei erschütterte*), nicht ganz loswerden konnte. Früh dem Volke entrissen, verstand er es nicht mehr. Und doch hatte Pinsker seine Kindheit in einer ganz jüdischen Umgebung verbracht. Einmal, als ich bei ihm zur Dämmerungsstunde saß, erzählte er mir unter anderem folgende Episode aus seinem Kinderleben. Als er zehn Jahre alt war, reiste er irgend wohin mit seinem Großvater. Es war im Sommer. Sie dachten, bis Sonnenuntergang an irgend ein Dorf zu gelangen, wo ein jüdisches Wirtshaus war, und dort Halt zu machen. Die ermüdeten Pferde aber verlangsamten ihren Lauf, und als die Sonne schon niedrig stand, erklärte der Kutscher, es sei noch bis zum Dorf ungefähr eine Stunde Reise. Daraufhin verordnete der Großvater, Halt zu machen. Der Kutscher drehte seitwärts um und hielt auf einer abschüssigen Wiese an einem Flußufer. Dort ließen sie sich nieder. Der alte Großvater stieg vom Wagen, wusch die Hände im Flusse und begann unter einer der Weiden das Minchagebet ehrfurchtsvoll zu verrichten. Zur selben Zeit färbte die Sonne mit ihren Feuerstrahlen die gekräuselte Oberfläche des Flusses blutrot, und die Zweige des Baumes, unter dem der Alte bewegungslos stand, schienen von einer Flamme umschlungen. Dieses Bild des betenden Großvaters im Schatten eines Baumes beim feierlichen Anbrechen der Steppendämmerung hinterließ in dem Knaben einen unauslöschlichen Eindruck fürs ganze Leben. Wie tief wahr ist die Volkspsychologie, die einen so ungeheuren Wert den „Verdiensten der Väter" beilegt. Das sind sie, die „Verdienste der Väter", die irgendwo im Versteck der jüdischen Seele nisten, sie sind es, die urplötzlich in uns erwachen und zu sprechen beginnen; das sind sie, die empört alle künstlichen parasitären Auswüchse fortschleudern und aufs neue in uns das erloschen scheinende „ewige Licht" entzünden. Dieser feine Aristokrat mit dem raffinierten Geschmack und den vornehmen Manieren, mit der Vorliebe für ruhiges, isoliertes Leben, was auch seine schwache Gesundheit forderte, hat sich doch, sobald er sich der damals keimenden palästinophilen Bewegung (die eigentlich dasselbe Bestreben hatte wie der moderne Zionismus) anschloß oder sich sogar an ihre Spitze stellte, nicht gescheut, in den dritten Stock der Wohnungen irgend welcher unbekannten und zuweilen recht unsympathischen Herren zu klettern, um an den geheimen Sitzungen der Chowewe Zion teilzunehmen. Ja, in jener Zeit mußten wir uns, genau wie die extremen russischen Revolutionäre, vor dem scharfsichtigen Auge der Behörden verstecken, die in uns eine Art Verschwörer sahen. Und die Frage, wie die Hilfe für die ersten Pioniere der palästinensischen Kolonisation zu organisieren sei, wurde unter Umständen besprochen, unter denen sonst ein Staatsstreich organisiert wird. *) Vergessen wir nicht, daß Pinsker sich seinerzeit feierlich von der weiteren Teilnahme an dem Komitee der „Bildungsgesellschaft1« (mefize haskala) lossagte, indem er in einer denkwürdigen Rede ihren Weg für falsch erklärte.