Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 588

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Erinnerungen an Leo Pinsker
Date
1916-12-01
Page
588 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875891-3110567--0826-3110620
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

588 Ben Ami: die Ketten unserer freiwilligen und unfreiwilligen Knechtung zu sprengen und wir selber zu werden, selbst unsere Geschichte zu machen, nicht aber auf fremde Gnade zu warten — das alles ist auf diesen sechsunddreißig unsterblichen Seiten erschöpft. Und trotz all unseres jetzigen nationalen „Erwachens" trifft auch jetzt noch jedes Wort dieses Appells genau ins Schwarze. Da ich den ganzen Sumpf der Selbstverneinung und Selbsterniedrigung durchwatete, die damals unter unserer Gymnasial- und Universitätsjugend herrschten; da ich bei der Erfüllung meiner Mission die höchsten geistigen Vertreter unserer „westlichen" Brüder mit all ihrer moralischen Feigheit und Knechtschaft, der äußeren Freiheit und Emanzipation zum Trotz, kennen lernte, — habe ich mit besonderem Entzücken und unaussprechlicher Freude jedes Wort der Schrift verschlungen. Mir war, als wäre das meinem eigenen Herzen abgelauscht worden. Ich war sicher, daß dieser mächtige Ruf die Judenheit der ganzen Welt aufrütteln und alle wie ein Mann an die große Arbeit der Selbstbefreiung und Wiederbelebung des unterjochten Geistes gehen würden. — Du lieber Gott, da ist doch alles so klar, so einfach. Was kann man gegen diese mit Blut geschriebenen Beweisgründe, gegen diese in Wehen erzeugten Wahrheiten einwenden? So dachte ich naiv und war großer Hoffnungen voll. Sehr rasch aber sollte ich enttäuscht werden. 4- Im Sommer 1886 verließ ich die Schweiz, wo ich fünf Jahre verbrachte, und kehrte in das von jener Zeit abgestorbene Odessa zurück. Am Morgen nach meiner Ankunft eilte ich zum Verfasser der „Autoemancipation". Er empfing mich sehr freundlich und war tief gerührt, als er in mir den Studenten erkannte, der bei ihm vor fünf Jahren vor der Abreise nach dem Auslande gewesen war. Dieser Umstand war ihm augenscheinlich besonders angenehm. Als ich begeistert über sein Werk zu sprechen anfing, suchte er mit aufrichtiger Bescheidenheit von sich jedes Lob fernzuhalten. Er schüttelte nur in tiefem Kummer den Kopf und sagte still wie gewöhnlich: „Für wen, wozu? Was für eine Abgestumpftheit ringsum, was für eine Gleichgültigkeit gegen das eigene Geschick 1" Und er winkte hoffnungslos mit der Hand ab. Wir kamen auf meine Novellen zu sprechen und dabei auf das jüdische Leben, auf die Volksmasse, und er gestand, daß dieses Gebiet ihm wenig bekannt sei, daß meine Erzählungen ihm zum erstenmal eine Ahnung von der seelischen Schönheit und tiefen Poesie unseres inneren nationalen Lebens gegeben hätten. Man muß hierbei feststellen, daß Pinsker, der die Leiden seines Volkes mitgelitten hat, der wie keiner dessen Erniedrigung empfand, der mit allen Fibern der Seele dessen Wiederbelebung anstrebte, doch wenig Sympathien für die jüdische Volksmasse, ja sogar einen gewissen Widerwillen gegen sie hegte. Ihn stießen die äußere Nachlässigkeit ab, der Jargon, die Körperbewegungen und anderes mehr. Und mehr als einmal drückte er es in entrüsteter Rede aus, wenn er diesen Erscheinungen persönlich begegnete. Dieses Gefühl des Widerwillens gegen die Volksmasse, das zweifelsohne das Durchschimmern einer inneren versteckten Unfreiheit und der Furcht vor „ihnen" (den Nichtjuden) darstellt, und das ein unveräußerliches Eigentum unserer alten Maskilim und der Mehrheit unserer Intelligenz überhaupt darstellt, traf ich nachher sogar bei vielen unserer Kämpfer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.