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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 590

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Erinnerungen an Leo Pinsker
Date
1916-12-01
Page
590 (sequence 8)
Language
German
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590 M. J. Bodenheimer: Eben auf diesen geheimen, unter Gefahren abgehaltenen Sitzungen trat die Seelengröße Pinskers besonders zutage. Für einen Mann von seiner gesellschaftlichen Geltung und Stellung mußte er sehr viel geistige Mannhaftigkeit besitzen, um eine Tätigkeit unter solchen Bedingungen und in solcher Form aufzunehmen, um so mehr als damals noch die Anhänger der Idee gering an Zahl und Wert waren. Dafür waren die Gegner zahllos, die Hindernisse und Widerwärtigkeiten grenzenlos. Oft sprach er zu mir mit großer Betrübnis und Bitterkeit von den unerträglichen Umständen, unter denen diese Kleinarbeit verrichtet werden mußte. Aber nicht über die äußeren Umstände war er betrübt. Da verwunderte ihn nichts. Was ihn bis zu quälendem Schmerz bedrückte, war die stumpfe Gleichgültigkeit der Eigenen. Diese Betrübnis und diese Enttäuschungen haben sich ihm tief eingeprägt, und er war immer in schwere Düsterkeit gehüllt. Auf diesen geheimen Sitzungen lernte ich ihn erst wahrhaft schätzen und lieben. Eine der größten Zierden wahrhaft großer Seelen ist eine Art besonders rührender Naivität. Eine solche heilige Naivität zeigte Pinsker oft und sie hatte ihm vielleicht am meisten die Kraft verliehen, unbeirrt auf seinem Weg weiter zu schreiten und seinem Ideal zu folgen, dem er bis zum letzten Atemzug lebte. Noch auf dem Sterbelager empfing er, damals Vorsitzender des nun genehmigten Komitees der Palästinagesellschaft, fast jeden Tag den Sekretär unseres Komitees und hörte seine Berichte. Und dennoch liegt seine Größe und sein Verdienst nicht in seiner praktischen Tätigkeit. Ein Recht auf Unsterblichkeit gibt ihm sein Ruf zur nationalen Auferstehung, mit dem in unserer Geschichte eine neue Ära beginnt. Und wenn unsere Regeneration nicht bloß leeres Gerede ist, nicht bloß ein totes Paragraphenprogramm, wenn wir wirklich fühlen, wie der große Verfasser dieses Appells gefühlt hat, daß es ohne nationale Wiedergeburt nur ein ewiges Vegetieren gibt — so müssen wir unseren Herzen seine Worte einprägen: „Jetzt oder nie* sei unsere Losung. Wehe unsern Nachkommen, wehe dem Andenken unserer jüdischen Zeitgenossen, wenn wir diesen Moment verpassen!1* Genf Ben-Ami DAS JÜDISCHE VOLK UND SEINE PARTEIEN Was höher steht, die Partei oder das Volk, darüber kann vernünftigerweise kein Zweifel sein. Die Partei ist niemals Selbstzweck. Parteien sind selbstgeschaffene Organe des Volkes. Sie dienen der Förderung seiner wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wohlfahrt. Sie ergänzen demgemäß andere Organe des /Volkslebens wie Gemeinden und Vereine. Keine einzelne Partei kann dem Inhalt ' desJV[olks3^^ werden. Dieser findet seinen adäquaten und ausreichenden Ausdni£k_J&dig^ . Jede Partei muß deshalb anderen Parteien in gewissem Umfang das Recht auf Existenz und Betätigung einräumen. Wer eine einzelne Partei für allein daseinsberechtigt und mit dem Volkswillen und seiner

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