Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Erinnerungen an Leo Pinsker
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 587 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerungen an Leo Pinsker 587 Pinsker wohnte damals, wie ich mich erinnere, in einem neuen einstöckigen hübschen Hause, an der Ecke der „Italienischen Straße" (jetzt Puschkinstraße genannt) und der Troizkaja. Nachdem er mich mit der ihm eigenen Aufmerksamkeit eine Viertelstunde lang untersucht hatte, riet er mir, einige Tage das Haus nicht zu verlassen, sogar ein paar Tage das Bett zu hüten. Ich erklärte ihm darauf, daß ich in einer wichtigen gesellschaftlichen Angelegenheit unbedingt möglichst bald nach dem Auslande müsse und daß außerdem mein Reisepaß in einigen Tagen seine Gültigkeit verliere. „In einer gesellschaftlichen Angelegenheit?", fragte Pinsker mit kaum merkbarer Verwunderung. Ich erläuterte ihm ein wenig schüchtern, um was es sich handle. Er sagte darauf gar nichts. Aber etwas väterlich Warmes, Gutes überflog sein rauhes, sehr düsteres Gesicht. Seine tiefen, traurigen Augen, die sich unter den langen Wimpern des herabgelassenen Lides verbargen, erhoben sich langsam und schickten mir ein stilles, gutheißendes Lächeln zu. Es war zu sehen, daß die Tatsache ihm Freude bereitete. Sogleich änderte sich der Ton seiner Rede und wurde weich, verwandtschaftlich. Er gab zu, daß ich nicht lange zögern dürfe, empfahl mir einige Vorbeugungsmittel und erlaubte mir, in ein paar Tagen abzureisen. Als ich fortging, begleitete er mich bis zum Außeneingang, drückte mir kräftig die Hand und entließ mich mit Segnungen und Wünschen. „Ich bin sehr froh, einen jungen Mann, einen Studenten, zu sehen, der sich den jüdischen Kummer so sehr zu Herzen gehen läßt" sagte er noch im letzten Augenblick. Verblüfft und tief erregt ging ich von ihm fort. Nichts dergleichen erwartete ich von diesem grimmigen Assimilanten, der sich so fern vom Judentum hielt. Dazu hatte ich noch aus einigen von mir zu jener Zeit unternommenen Schritten erfahren, wie verneinend, wie feindlich die Großbourgeoisie und die diplomierte Intelligenz, die bei uns stets Hand in Hand gingen, sich damals zu jedem selbständigen Schritt im Judentum verhielten. Alles, was nur im geringsten nach Protest roch, jagte ihnen eine Todesangst ein. Wie die Römer zur Zeit der Herrschaft Neros, zitterten sie davor, ihre Entrüstung, ja sogar ihren Kummer über die an ihnen verübten Greuel zu zeigen. Etwas Stolzes regte sich in meinem Innern durch dieses stille, aber tiefe Mitfühlen, durch diese Wünsche, in denen sich eine warme Billigung und innere herzliche Genugtuung kundgab. 3- Nach zwei Jahren brach das stumme, passive Mitfühlen Pinskers nach außen durch und ergoß sich in einem erschütternden Aufschrei der Entrüstung und zugleich in einem mächtigen, stolzen Aufruf zur Selbsterkenntnis und Selbstbefreiung. Es erschien ein kleines, bescheidenes Büchlein: „Autoemancipation". In dieser Broschüre hat sich Pinsker, der so selten das Literaturgebiet betrat, in der Meisterschaft des lapidaren Stils zu einer Vollkommenheit erhoben, wie sie die berufensten Schriftsteller selten erreichen. Über dieses große kleine Büchlein kann man sagen: „Blättere darin, blättere darin, denn alles ist darin". Alles was man gegen die Schändlichkeit unserer ewigen Kriecherei vor den anderen und für die Notwendigkeit sagen kann, endlich 41*