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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 586

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Erinnerungen an Leo Pinsker
Date
1916-12-01
Page
586 (sequence 4)
Language
German
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586 Ben Ami: 2. Es verflossen vierzehn Jahre. Das Jahr iftRj kamT jenes unheilvolle Jahr, das erste Glied der langen blutigen iSetteunerhörter Freveltaten, die an den russischen Juden nun schon fünfunddreißig Jahre lang begangen wurden und werden. Zwei einander entgegengesetzte, einander tödlich hassende und stets nach gegenseitiger Vernichtung trachtende Elemente waren in einem Punkte übereingekommen — daß die Juden, oder richtiger das jüdische Blut ihren Zwecken vorzüglich dienen könne. Die Revolutionäre waren der Meinung, daß man durch das jüdische Blut die Flamme der Revolution entfachen könne, und die Regierung verstand, daß man mit diesem Blut noch bequemer das Feuer der Revolution löschen konnte.*) Beide Lager gingen an die Arbeit. Das Zerstörungs- und Ausrottungsfeuer loderte über die jüdischen Städte und Städtchen. Aber dieses Jahr, mit dem eine Ära dauernder, systematisch organisierter Ausrottung begann, ist zugleich auch der Anfang einer Ära des Erwachens unseres nationalen Bewußtseins und Ehrgefühls. Es erwachte auch der bessere Teil der Intelligenz, die sich einer fremden Kultur zugewandt hatte. Das Volk beschloß in seiner Entrüstung, auf eigene Art und Weise zu protestieren, nämlich — fortzugehen. Und es begann jene berühmte Emigrationsbewegung. Oder besser gesagt, jene schauerliche Flucht. Ich beteiligte mich damals fast an allen die Auswanderung betreffenden Volksversammlungen in Odessa, — und ich kann getrost behaupten, daß der Hauptstimulus für die Mehrheit nicht die Furcht, sondern die Entrüstung war, das Streben, sich vom sklavischen Zustand zu befreien und ein unabhängiges, menschenwüridiges Leben zu führen. Diese Bewegung auszunützen hat man weder verstanden noch gewünscht. Im Gegenteil, aus einem heuchlerischen „Patriotismus" (russischem natürlich) suchte man sie zu stören. Aber nicht hier ist der Platz, darüber zu sprechen. Ich war zu den Vorstehern der Alliance, die in Brody ein Hilfskomitee für die Emigranten organisiert hatte, von der ersten größeren, 500 Personen zählenden Auswanderergruppe abgeordnet worden, die beschlossen hatte, nach Amerika zu gehen, um dort eine Ackerbaukolonie zu gründen. Ich war zwar sehr gegen die Auswanderung nach Amerika gestimmt, wovon auch meine Auftraggeber wußten. Meine jugendliche Phantasie aber schuf in mir allerhand Illusionen darüber, daß man die Tätigkeit der Alliance nach Palästina lenken könnte. Nach langwierigen Bemühungen erhielt ich endlich von der Universität (ich war damals Student in Odessa) einen einmonatigen Urlaub nach dem Auslande und einen Reisepaß. Aber plötzlich, unmittelbar vor der Abreise, zog ich mir eine ernste Erkältung zu. Ich kann mir gar nicht erklären, was mich diesmal bewog, mich an Dr. Pinsker zu wenden, während ich in solchen Fällen viele Jahre hindurch zu einem anderen Arzt ging. Konnte ich ahnen, daß ich nach etwa 6—7 Jahren zusammen mit Dr. Pinsker, diesem Meister der äußersten Assimilation, für das allerheiligste Ideal arbeiten würde, das ich zu jener Zeit einsam in meiner Seele trug? Mich leitete irgendein geheimer Instinkt. *) Über das Verhältnis der extremen linken Parteien und der russischen Liberalen zu den Pogromen der achtziger Jahre siehe meine Arbeit: „Mein Verkehr mit Dragomanow usw." in Jewejskaja Starina 1915 und 1916.

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