Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Erinnerungen an Leo Pinsker
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 585 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerungen an Leo Pinsker 585 auf dem Gebiete der Gleichberechtigung erwarteten als von der Sprache und Kultur Goethes, Schillers und Heines. Und diesem elenden Götzen der Gleichberechtigung waren die „fortgeschrittenen" Juden immer bereit, nicht allein alle fremden, sondern vor allem die eigene Kultur und selbst die eigene Seele zum Opfer darzubringen. Manche von ihnen konnten nicht einmal ein Wort Russisch. Pinsker selbst sprach das Russische nicht glänzend und mit falschem Akzent, während er deutsch sehr schön sprach. Die originellste und zugleich widernatürlichste Figur eines Russifikators stellte in diesem Komitee der aus Deutschland verschriebene Prediger Dr. Schwabacher dar, der im Innern alles Russische tief verachtete und ein Gefühl äußersten Widerwillens dagegen hegte. Der Behörde zuliebe aber war der ehrenwerte Kanzelredner bereit, all seine persönlichen Sympathien und Antipathien zu unterdrücken. Wie dem auch sei, Pinsker war zu dieser Zeit der heißeste und tätigste russifikatorische Aufklärer. Besonders heiß erstrebte er, daß die Juden möglichst schnell das Jüdischsprechen aufgeben sollten, gegen das er sogar noch später eine unüberwindliche Verachtung hegte. Gleich allen Aufklärern jener Epoche glaubte er fest, daß der Anschluß der Juden an die russische „Kultur" ihnen alle irdischen Güter samt der vollen Gleichberechtigung bringen werde. Das russische Volk warte nur auf den Augenblick, da die Juden ihren „schändlichen Jargon*4 (so nannte ihn Pinsker) aufgeben und in der „vaterländischen Sprache" zu sprechen beginnen würden, um sie mit seinen weiten, offenen Armen zu empfangen und sich mit ihnen brüderlich zu verschmelzen. Eben ein Verschmelzen, ein völliges Verschmelzen, bis auf die Religion, die eigentlich für die damaligen Assimilanten, wie auch für Pinsker selbst, keinen Wert hatte, das war sein Endideal: Pinsker, selbst der Sohn eines Maskils, der ihn nicht einmal in der hebräischen Sprache unterrichten ließ *), obwohl er ein großer Kenner auf diesem Gebiete war, war damals in allem ein Kind der Haskala, die beschlossen hatte, die Juden sollten ihre gesamte geistige Vergangenheit ins Archiv legen, weil sie ihren Wert eingebüßt habe, und hauptsächlich, weil sie mit dem Geist und Geschmack der umgebenden Völker nicht harmoniere. Und wäre das Volk der Haskala und ihren Repräsentanten gefolgt, so wäre vom Judentum keine Spur mehr geblieben und dann auch das Volk selbst allmählich verschwunden. Zum Glück aber haben sich die Haskalakämpfer, die besseren unter ihnen natürlich, entweder von selbst bald besonnen oder die Umstände haben sie zur Besinnung gezwungen, indem sie ihnen ihren tiefen Fehler und hauptsächlich die völlige Nutzlosigkeit ihrer Anstrengungen zeigten, sich zu entnationalisieren und sich die schlecht sitzende Maske eines fremden Nationalismus aufzusetzen. Wie wir gleich sehen werden, ist das große, feinfühlige, aber lange schlummernde jüdische Herz Pinskers zuerst erwacht; er erkannte und empfand als erster die ganze Lüge, die im Grunde in dieser Haskala steckte, und er war der erste, der sich von ihr lossagte. *) Das ist charakteristisch für alle Führer der jüdischen Haskala. Fast keiner von ihnen ließ seine Kinder in der eigenen Sprache unterrichten. Die Söhne Mapus, Slonimskys, Gottlobers, Fünns und anderer hatten kein jüdisches Wissen und hielten sich überhaupt fern von Juden. Manche von ihnen sind sogar zur orthodoxen Kirche übergetreten. Heft 9. ~ 41