Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Erinnerungen an Leo Pinsker
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 584 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
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S«4 Ben Ami: Dieser Wagen lockt schon von der Ferne die ganze Kinderschar herbei, besonders die Buben, die vor und hinter dem Wagen rennen, wie Pagen, die hohe Personen begleiten. Zwar hatte ich den Wagen Pinskers in unserem Viertel, das vorwiegend von Armut bewohnt war, nie gesehen. Er war eher der Arzt der Reichen. Nichtsdestoweniger wurde sein Name auch in unserem Viertel mit großer Achtung als der Name des besten Arztes in Odessa ausgesprochen. Oft und von der Nähe bekam ich ihn zu sehen, als ich in der Talmud-Toraschule zu lernen begann, wo er unter anderen zusammen mit Immanuel Soloweitschik, dem Redakteur der russisch-jüdischen Zeitschrift ,,Zion", der damals angesehensten Persönlichkeit in der jüdischen Öffentlichkeit Odessas, Mitglied des Kuratoriums war. Die Lehrer der Odessaer Talmud-Toraschule, die damals ein Zentrum der aufklärerischen und besonders der ossifizierenden Tätigkeit bildete, sprachen über Pinsker immer mit Ehrfurcht als von einem hochaufgeklärten Manne und einem Führer der Aufklärungs- und Russifikationsbewegung. Eines Tages schickte mich einer der Lehrer in irgendeinem Auftrag zu Dr. Pinsker. Als armer Talmud-Toraschüler konnte ich nicht weiter als ins Vorzimmer gelangen und habe Dr. Pinsker selbst nicht zu sehen bekommen. Ich fühlte mich sehr verletzt, denn als ehemaligen Jeschiwaschüler und aus anderen Gründen behandelten mich alle ganz anders, und die Kuratoren Soloweitschik und besonders Reb Idele Hessen plauderten mit mir immer freundlich, wenn ich zu ihnen in irgendeiner Angelegenheit kam. Nach zwanzig Jahren, bei einem intimen freundschaftlichen Gespräche in meinem Kabinett, erzählte ich Pinsker diese Episode. Das hat auf ihn einen starken Eindruck gemacht. Er versank in Nachdenken, saß einige Minuten schweigend und begann dann von den Verkehrtheiten und Wundern zu sprechen, die uns das Leben, dieser größte Wundertäter, schafft. Ich möchte aber nicht vorgreifen. Später, als ich eine Zeitlang in dem Waisenhaus Wohnung nahm, das der Talmud-Toraschule angegliedert worden war, sah ich Pinsker immer bei den Sitzungen des Kuratoriums, die oft in einem großen Glaskorridor, der als Eßzimmer diente, stattfanden. Ich setzte mich zuweilen an einen der Tische mit einem Buch in der Hand, oder ich konnte alles Vorkommende vom Zimmer des Aufsehers aus, mit dem ich zusammen wohnte, durch die Glastür sehen. Das Gesicht Pinskers gefiel mir sehr, mehr als die Gesichter aller anderen Mitglieder des Kuratoriums. Es war zwar rauh, wenn man will, sogar kalt; aber in ihm war etwas tief Geistiges. Besonders schön waren die Augen, wenn er sie weit öffnete. Sie blickten dann weich, liebkosend, mit der Beimischung eines heimlichen Kummers, und übten einen besonderen Zauber aus. Er schlug sie aber nur selten weit auf. Finsteren Wolken gleich hingen meistens über ihnen die langen schönen Wimpern herab. Während andere Mitglieder, besonders Dr. Soloweitschik, sich aufregten, schrien, gestikulierten, hielt sich Pinsker ruhig und sprach langsam und still. Man redete zumeist deutsch. Denn alle diese feurigen Russifikatoren waren gestern noch Anhänger der deutschen Kultur gewesen, die sie so rasch verließen, weil sie von der Sprache und Kultur des russischen Wachtmeisters mehr Heil