Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Juden - Polen - Deutsche
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 576 (sequence 8)
- Language
- German
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576 Juden — Polen — Deutsche Juden wirkt um so auffallender, als man den Polen gegenüber keineswegs in dieser Art verfahren ist. Übrigens macht sich diese Beschränkung auf die Zuziehung von polnischen Beamten und Hilfsbeamten, die insbesondere auf dem Lande sehr oft die einzigen Stellen bilden, an denen die deutsche Verwaltung mit der Bevölkerung in direkte Berührung tritt, in recht vielen Fällen in einer unfreundlichen Behandlung der Juden bemerkbar. Man kann sich gar nicht vorstellen, um wieviel besser und einfacher die Dinge in Polen geregelt sein könnten, wenn sich die Regierung für die Verwaltung der Angelegenheiten der Juden einigermaßen jüdischer Sachverständiger bediente. Abgesehen davon, daß zweifellos mancherlei Unzuträglichkeiten vermieden worden wären, hätte gewiß auch bei der großen Bedeutung, die dem jüdischen Element für Handel und Verkehr im besetzten Gebiet zukommt, die Lösung vieler wirtschaftlicher Probleme sich mit seiner Hilfe wesentlich leichter gestaltet, als es heute der Fall ist. So ist es, um nur eine — allerdings ungeheuer wichtige — Angelegenheit herauszugreifen, bis heute nicht gelungen, der nach Hunderttausenden zählenden Masse von jüdischen Arbeitslosen eine geregelte Beschäftigung zuzuweisen — und zwar ausschließlich aus dem einen Grunde, weil man selbst hierzu keine Juden hinzugezogen hat. Es ist selbstverständlich nicht leicht, in die Masse des jüdischen Proletariats diese gänzliche Umordnung aller Wirtschaftsverhältnisse hineinzubringen, die eine Organisation des Arbeitsmarktes in der heutigen Zeit und nach den heute erforderlichen Bedürfnissen bedeutet, es ist unmöglich, wenn man keine Juden zur Leitung dieser Organisation und zum Verkehr mit den jüdischen Massen heranzieht. In einer Zeit, wo in Deutschland die Durchführung der Zivildienstpflicht darauf beruht, daß man alle organisatorischen Ansätze und Möglichkeiten bis zum letzten ausnutzt, scheint es schwer verständlich, daß nur ein überliefertes Vorurteil eine Maßnahme scheitern läßt, die der geregelten Volkswirtschaft ein ganzes Heer von Kräften zuführen könnte und gleichzeitig der Judenfrage in Polen an einem höchst wesentlichen Punkte ein gut Teil ihrer Schärfe nehmen würde. Hier haben wir einen Schulfall, zu welchen Schädigungen des Allgemeinwohls die Nichtheranziehung von jüdischen Mitarbeitern führt, die letzten Endes auch nur darauf beruht, daß man die Sonderart des jüdischen Problems leugnet und annimmt, ihm mit den von Deutschland her überlieferten Methoden gerecht werden zu können. Als zu Beginn des Weltkrieges die deutschen Heere in Polen einrückten, als die deutschen Heerführer in feierlichen Proklamationen nicht nur den Polen, sondern auch den Juden eine neue, bessere Zukunft, Recht und Freiheit verhießen, damals haben in allen Ländern der Erde jüdische Herzen dem deutschen Siege entgegengehofft, damals hat die ganze Welt von der Wendung der Dinge die Wendung des Schicksals des jüdischen Volkes in Polen erwartet. Wenig davon hat sich bisher erfüllt. Fast ängstlich hat sich die deutsche Verwaltung, die in der Polenfrage so kühn neue Wege beschreitet, davon ferngehalten, mit den polnischen Juden in Verbindung zu kommen. Während sie den Polen ein Recht nach dem anderen einräumte und deutlich zum Ausdruck brachte, welchen Wert sie auf eine Verständigung mit den Polen legte, ist sie dem jüdischen Volke fremd geblieben und hat durch den höchst verletzenden Ausschluß der Juden aus der