Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Juden - Polen - Deutsche
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 573 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875891-3110565--0808-3110605- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Juden — Polen — Deutsche 573 Jahrhunderten nie gestörte, Aufstellen der Laubhütten am Sukkothfeste und verlangte für die Erlaubnis hierzu die Einreichung eines mit 2 Rubeln stempelpflichtigen Gesuches. Es kam soweit, daß die Miliz in die Wohnungen der Juden eindrang, die Juden aus den Laubhütten hinaustrieb und diese zerstörte. Auf den Protest des Rabbinats erkühnte sich der Magistrat zu der Behauptung, dieses sei auf Verlangen des deutschen Polizeipräsidenten!) geschehen. Der wußte natürlich nicht das geringste davon und setzte die „Laubhüttenbill*1 sofort außer Kraft. Der städtische Etat sieht 1/2 Million Rubel für polnische Volksküchen vor und ein Gesuch um Unterstützung der jüdischen (rituellen) Volksküchen mit 300000 Rubeln wurde abgelehnt. Nach einer auf ausdrücklichen Beschlüssen des Stadtrats und des Magistrats beruhenden Verordnung sind in den städtischen Markthallen den jüdischen Händlern ihre Plätze in besonderen Abteilungen, hinter denen der polnischen, angewiesen. Dazu kommt eine Reihe von angeblich sozialreformerischen, tatsächlich aber judenfeindlichen Gesetzen. Das Salzmonopol reserviert den Salzverkauf den polnischen Kaufleuten. Die geplante Sonntagsruhe, die ohne jeden Übergang statt des bisher ganz handelsoffenen den absolut und ohne jede Ausnahme handelsfreien Sonntag einführen will, ist nichts als eine furchtbare Waffe gegen die Mehrheit der jüdischen Kaufleute, die auch am Sabbat streng geschlossen hält. Man könnte die Liste beliebig verlängern. Und damit der Brutalität der würzende Spaß nicht fehle, machen sich Stadtverordnetenvorsteher und Bürgermeister ein Spezialvergnügen daraus, die Sitzungen mit besonders für die Juden wichtigen Beratungsgegenständen gerade auf die höchsten jüdischen Feiertage einzuberufen und auf Proteste der jüdischen Mitglieder ihnen die Erlaubnis zu erteilen, bei diesen Sitzungen zu fehlen. Der Europäer aber, der in diesen Tagen der Postunterbindung den Genuß der Pogromreden eines Purischkewitsch vermißt, braucht bloß das Protokoll einer beliebigen Sitzung des Warschauer Stadtrates nachzulesen. Er wird die ausschweifendsten Erwartungen übertroffen finden. Bei all dem handelt es sich keineswegs um eine Warschauer Angelegenheit. Es ist in ganz Polen dasselbe und nicht anders im österreichischen Besetzungsgebiete. Aus der Fülle von Material verzeichnen wir folgende Meldung von Mitte November aus Lublin, der Hauptstadt des österreichischen Verwaltungsgebietes: Die ,,Ziemia Lubelska" berichtet über eine große Vorwahlversammlung für die Stadtverordnetenwahlen in Lublin, an der die Vertreter der zwölf Arbeiterzechen, der beiden politischen Klubs, der fünf polnischen Wahlkomitees, des Konsistoriums, des Lubliner Magistrates, der beiden Lubliner Zeitungen, die Vorstände der Lehrergesellschaft, des Handelsvereins, der Bibliotheken, des Hausbesitzervereins, der Gesellschaften der Ärzte, Apotheken, Techniker, Handlungsgehilfen usw. teilgenommen haben. In dieser Versammlung wurde die Frage aufgeworfen, ob man einen Kandidaten aufstellen dürfe, der einmal sein Besitztum in der Stadt einem Juden verkauft habe. Dieser Frage wurde eine zweite angefügt: „Darf das Komitee einem Polen vertrauen, der einem jüdischen Handwerker zu verdienen gab?" Beide Fragen wurden von dieser repräsentativen Versammlung einstimmig verneint. Es ist müßig, darüber zu streiten: für den Polen ist der Jude der Feind. Aber nur der Jude? Mit dem gleichen Haß, mit der gleichen Inbrunst, möchten wir sagen, bekämpft, verfolgt er den Ruthenen, den Litauer, den Deutschen. Es gibt