Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Juden - Polen - Deutsche
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 572 (sequence 4)
- Language
- German
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572 Juden — Polen — Deutsche Fähigkeit der Polen hat jetzt die große Probe auf ihren Wert zu bestehen. In einem Punkte aber hat sie bereits versagt, in der Judenfrage. Und davon soll hier einiges, lediglich referierend, gesagt werden, muß es hier gesagt werden, denn keine deutsche Zeitung hat bisher darüber berichtet, mit alleiniger Ausnahme von ein oder zwei sozialdemokratischen. Die Fixigkeit macht Halt vor der Wirklichkeit der jüdischen Gasse und vor der der jüdischen Frage. Seit drei Monaten hat die Stadt Warschau kommunale Selbstverwaltung, und zwar auf Grund eines von den Deutschen erlassenen Wahlrechts, die den Entwurf der Polen ablehnen mußten, weil er die Juden ganz aus dem Stadtrat ausgeschlossen hätte. Die Polen sind sich der hohen Bedeutung dieser ersten gewählten Volksvertretung im Generalgouvernement wohl bewußt gewesen. Sie stellten demgemäß die Behauptung auf, daß bis zur Einberufung des polnischen Reichstages der Warschauer Stadtrat diesen sozusagen vorwegzunehmen, als Repräsentanz des polnischen Landes zu gelten hätte. Daher verlangten sie, daß bei der Verteilung der Sitze auf Polen und Juden diese nicht die etwa 40 Plätze beanspruchen dürften, die ihnen nach ihrer Bevölkerungsstärke in Warschau zustanden, sondern nur so viele, wie ihnen nach dem um das Vielfache geringeren Verhältnis ihrer Stärke zu der der Bevölkerung des ganzen Landes zukommen würden. Die Juden, denen alles daran lag, ihr Verständnis für die nationalen polnischen Aspirationen zu beweisen, wichen vor dem brutalen Auftreten der Polen, die mit den schwersten Drohungen arbeiteten, zurück und fügten sich dem Verlangen. Man muß dies alles ausführlich berichten, weil gewiß schon wieder eine neue Märchenmaschine im Gang ist und die Fabel von der Unverträglichkeit der Juden voraussichtlich demnächst in der deutschen Presse auftauchen wird. Dieser Warschauer Stadtrat, die erste gewählte Vertretung der Wünsche des polnischen Volkes, die Körperschaft, die zum ersten Male seit mehr als hundert Jahren in den Stand gesetzt ist, die Geschicke der polnischen Hauptstadt nach denjenigen Begriffen von Staatswohlfahrt und Gemeindefürsorge zu leiten, wie sie sich in polnischen Herzen und Köpfen spiegeln, hat vom ersten Tage seines Bestehens an ein Feld gefunden, dem er sich mit unermüdlicher Hingabe und mit bemerkenswerter Findigkeit widmet: die Judenhetze. Es vergeht nicht eine Sitzung der Stadtverordneten, in der nicht von jüdischer Seite Beschwerden vorgebracht und von polnischer Seite — nicht bestritten, sondern durch maßlose, haßerfüllte Reden verschärft werden. Hier seien einige von den Beschlüssen und Verordnungen wiedergegeben, die die Vorurteilslosigkeit und das staatsmännische Verwaltungsvermögen dieses präsumptiven ,polnischen Reichstages" illustrieren. Die Stadt Warschau hat 800000 Einwohner, darunter 350000 Juden. Die Stadt Warschau hat über 500 städtische Beamte, darunter noch nicht 10 Juden. Sie beschäftigt mit Notstandsarbeiten über 11000 Arbeiter, darunter höchstens 300 Juden. In ihre Schulen hat sie jetzt 18000 polnische Kinder aufgenommen, von 6500 jüdischen, die sich gemeldet hatten, 2500. Solange die Miliz freiwillig und unbesoldet war, zählte sie zahlreiche jüdische Milizianten und Kommissäre; seitdem sie von der Stadt übernommen und besoldet ist, gibt es fast keine jüdischen Milizianten mehr, insbesondere nicht in den jüdischen Stadtteilen, und gar keine jüdischen Vorgesetzten. Dieselbe Miliz verbot das traditionelle, in all den