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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 571

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Juden - Polen - Deutsche
Date
1916-12-01
Page
571 (sequence 3)
Language
German
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Juden — Polen — Deutsche 571 polenfeindliche Beschuldigungen zu denunzieren. In den Zeitschriften Polen4' und ,,Polnische Blätter" marschierten ganze Reihen von Eideshelfern auf, die immer wieder versicherten, daß die Polen in puncto Judenfrage nichts anderes wollten, als die gedeihliche Entwicklung der Juden Polens im Rahmen und zum Besten des polnischen Staates. Und wenn etwa Zweifel bestehen konnten über die Haltung der Polen gegenüber den nationalen Forderungen der Juden, so waren keine Zweifel mehr erlaubt hinsichtlich ihrer Stellung zu den menschlichen und bürgerlichen Rechten der Juden. Die seien bei den Polen ausgezeichnet aufgehoben, und der Begriff „Antisemitismus" gar, der den Polen ganz fremd sei, werde aus dem neuen Polen nach Rußland verbannt sein, das allein ihn in das polnische Land eingeschleppt habe. Die Polen sind immer Meister in der Kunst der Täuschung gewesen, und in der Judenfrage haben sie die ganze Welt getäuscht. Damals waren sie eitel Wohlwollen, eitel Gerechtigkeit. Als aber die Heere in Polen einzogen, Millionen Deutscher und Österreicher nach Polen und in ein Land kamen, das ihnen fremder war und blieb als die dunkelsten Gegenden des dunkelsten Erdteils, als Beamte nach Polen kamen zur Verwaltung und Parlamentarier zur Erforschung, als die Zeitungen ihre Berichterstatter hinsandten, die in hurtig hingeworfenen Feuilletons das polnische Problem auf einer Spalte lösten, auch da hatten die Polen ihre treffliche Methode. Mit Ekel auf den Lippen und Anklage in den Augen wiesen sie auf die jüdische Gasse, auf das jüdische Elend, das jüdische Laster: „Bitte, sehen Sie selbst..." Was kümmerte es den Zeitungsschreiber, zu erforschen, worauf denn diese entsetzliche Verarmung der jüdischen Massen beruht, die heute noch in all ihren Erscheinungen das Bürgertum widerspiegelt, das sie einst darstellte und aus dem sie — wodurch?! — hinabgesunken ist? Das ist nicht die Aufgabe der Kriegsberichterstattung, Fixigkeit ist die Parole, und wo die Gründlichkeit mangelt, muß das Epitheton ornans aushelfen. Im übrigen aber arbeitete die polnische Klischeefabrik. Wen von uns packt nicht eine Wut, wenn er im „Berliner Tageblatt" oder der „Hilfe" oder irgendeinem anderen ernsthaften Organ das Märchenargument von den „Litwaki" liest, die die russische Regierung nach Polen mit gemeiner Hinterlist eingeschmuggelt hat, nur um den einheitlich nationalen Charakter Polens zu verwischen und um das so herzliche Verhältnis zwischen Polen und Juden zu stören? So arbeitet die polnische Maschine mit ihren beiden Walzen, der einen für den harmlosen Europäer in Berlin und der anderen für seinen entsetzten Reporter in Warschau. Und übrig bleibt ein herzliches Bedauern mit den — Polen, die es so gar schwer mit den Juden haben. Heute glaubt jedermann in Deutschland, daß die Polen gewiß sehr gut mit den Juden auskommen möchten, wenn nur die Juden selbst ein bißchen ordentlicher, ein bißchen kultivierter, ein bißchen moderner sein wollten. Es widerstrebt mir, an dieser Stelle die Kultur der Juden Polens aufzuweisen, die wirtschaftliche Bedeutung des jüdischen Volkes in Polen festzustellen, die ja verstanden sein will im Rahmen der wirtschaftlichen Rückständigkeit des Landes, die sittliche Erhabenheit der polnischen Juden zu preisen, die sehr weit entfernt ist von der Pikanterie der polnischen Gesellschaft, welche unsere Zeitungsberichterstatter so entzückend finden. Es bedarf nicht der Apologetik, um die Würde, die Ehre, die Stärke der polnischen Juden nachzuweisen. Die staatsbildende 40*

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