Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1916)
- Article
- Juden - Polen - Deutsche
- Date
- 1916-12-01
- Page
- 570 (sequence 2)
- Language
- German
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57° Juden — Polsn — Deutsche sinngemäß nur bei den anti- und anationalen jüdischen Gruppen aus der winzigen Schicht der Assimilatoren. Die wollen Nichts-als-Polen sein, die anderen aber treiben eigene, bewußtjüdische Politik. Die sichere politische Erkenntnis, die sich darin ausdrückt, hat auch ein politisches Ereignis zustande gebracht, das mehr als alles andere kennzeichnend ist für den entschlossenen Willen der jüdischen Parteien in Polen, einheitliche jüdische Politik zu machen. Wir meinen den jüdischen Block im Warschauer Stadtrat. In ihm haben oder hatten sich alle jüdischen Gruppen mit Ausschluß des linksradikalsten Flügels, der sogenannten „Volksgruppe", zusammengeschlossen und sind bis vor kurzem zusammengeblieben. Jetzt allerdings scheint die rechtsstehende Gruppe, die sich kaum von den Assimilanten unterscheidet und im Grunde mehr in eine polnische als in eine jüdische Kombination gehört, ausgeschieden zu sein. Aber das wäre nur ein Festigungsmoment für den Block, in dem nunmehr auch Platz für die Volksgruppe ist, die bisher etwas unglücklich beiseite stand. Damit aber wird der Block zur Zusammenfassung aller jüdisch-positiv gerichteten Parteien, d. h. in Wahrheit zur Vertretung der Masse des polnischen Judentums. Diese reife politische Tat ist um so bedeutungsvoller, als sie vorbildlich gewirkt hat für das ganze Land. Hier hat überall schon die Vorbereitung auf die Stadtratswahlen eingesetzt, die auf Grund einer neuen Wahlordnung demnächst in den meisten größeren Städten vorgenommen werden. Überall, auch im österreichischen Besetzungsgebiet, haben sich hierzu jüdische Komitees gebildet, zum Zweck der Vereinigung der jüdischen Stimmen auf eine geschlossene jüdische Liste mit ausgesprochen nationaler Tendenz. Die jüdisch-nationale Partei Polens ist auf dem Marsche und wird von dem äußersten linken Flügel bis weit hinüber zur. rechten Seite die große jüdische Einheitspartei bilden. Angesichts einer solchen politischen Entwicklung sollten die Kritiker aus Deutschland etwas zurückhaltender sein mit ihrer scharfen Beurteilung der angeblichen politischen Unreife der polnischen Juden. Man braucht nur an die kläglich gescheiterten Versuche zurückzudenken, die deutschen Juden an einen gemeinsamen Beratungstisch zu bringen — und in Polen handelt es sich doch um andere Fragen als solche der Philantropie oder der religiösen Organisation, die im wesentlichen den Beratungsgegenstand der Tagungen der deutschen Juden bilden. Das polnische Judentum in seiner überwältigenden Mehrheit ist einig in seinem Bekenntnis zur Einheit des jüdischen Volkes und in seiner Forderung der Rechte des jüdischen Volkes. Ebenso einig jedoch sind auch die Polen in ihrer Ablehnung der jüdischen Forderungen und in ihrem Willen, eine nationale Entwicklung der Juden keinesfalls zuzulassen. Darüber hinweg aber geht die offene und jetzt auch eingestandene Absicht der Polen, die zahlenmäßige, ökonomische und kulturelle Bedeutung der Juden in dem polnischen Gemeinwesen mit allen Mitteln bis zur Gegenstandslosigkeit herabzudrücken. Als zu Beginn des Krieges in der ganzen Welt eine starke polnische Propaganda für ein freies Polen einsetzte, und als damals von jüdischer Seite Bedenken wegen der zu erwartenden Haltung der Polen zu den Juden laut wurden, haben sich die Wortführer der polnischen Bewegung in Deutschland und Österreich nicht genug tun können, diese Befürchtungen zurückzuweisen und sie als frivole und