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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 569

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Juden - Polen - Deutsche
Date
1916-12-01
Page
569 (sequence 1)
Language
German
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JUDEN - POLEN - DEUTSCHE Die Proklamation des Königreichs Polen ist uns nationalen Juden mehr als ein weltgeschichtliches Ereignis, ist uns ein weltgeschichtliches Symbol. Wir erleben, wie die Ideale des polnischen Volkes Gestalt annehmen, wie sie Wirklichkeit werden, weil sie immer wirklich waren. In diesem ganzen verflossenen Jahrhundert fehlte zum polnischen Staate nichts als die Form. Sein Inhält, seine geistige und moralische Gewalt waren vorhanden all die Zeit der Zerstörung hindurch und loderten als schmiedende und reinigende Flamme in den Herzen des ganzen polnischen Volkes, eine Flamme, die im Weltkrieg aus der Utopie den Staat bildete, der, wie immer die Lose fallen, von der europäischen Karte nicht mehr weggedacht werden kann. In diesen Tagen erleben wir mit heiligem Schauer, daß der nationale Wille, geschlagen, geschlagen und abermals geschlagen, verworfen und verschüttet in Kriegen und Aufständen, aber ungebrochen und immer wieder aufs neue sich formend, am Ende allein aus der Tatsache seines Vorhandenseins Geltung erlangte und Gestaltung gebar. In diesem Kampfe der Gräben und Granaten hat der nationale Wille als mächtiges Kriegsmittel sich bewährt, und er ist es, der die erste Garbe vom Schlachtfelde einfährt. Aber die Ewigkeitsbedeutung des historischen Vorgangs schließt unser Auge nicht vor seiner zeitlichen Wertung. Mit heißer Anteilnahme stehen wir Juden vor dem Symbol der Befreiung Polens, vor dieser Krönung des nationalen Willens, mit banger Sorge aber bedenken wir das Schicksal unserer Brüder, die Bürger des Königreichs Polen geworden sind. Werden auch sie befreit sein im befreiten Polen? An anderer Stelle in diesen Blättern ist die nationale Einheit der Juden in Polen überzeugend nachgewiesen und ihre Forderung der nationalen Rechte einleuchtend verfochten worden. Wie stellen sich die maßgebenden Faktoren der heutigen Entwicklung zu diesem Axiom und zu dieser Forderung? Drei Völker sind jetzt für die Entwicklung der jüdischen Verhältnisse in Polen verantwortlich: Juden, Polen und Deutsche. Die Stellung der Juden ist ganz eindeutig. Sie haben im Kriege eine politische Entwicklung durchgemacht, von der man möchte, daß auch die deutschen Juden einen Teil abbekommen hätten. Man spricht und schreibt gern in Deutschland von der Uneinigkeit der polnischen Juden, ihrer Zersplitterung in sich heftig bekämpfende Parteien, ihrer Unfähigkeit, kleine Differenzen zugunsten der großen Erwägungen auszugleichen. Man kann kaum sagen, daß sie sich bei all dem nennenswert anders verhalten als die deutschen Juden; sie sind nur viel mehr interessiert. Politisch aber sind sie zweifellos reifer und haben dies im Kriege bewiesen. Vor dem schweren Fehler der deutschen Juden, sich unbesehen und ein für allemal einer bestimmten politischen Partei zu verschreiben, hat ihr starkes nationale Gefühl die polnischen Juden bewahrt. Anklänge an diese deutsche Judenpolitik finden wir ganz Heft 9. 40

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