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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 101

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Adliges Volk
Date
1925-01-01
Page
101 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen nicht, fundiert oder nicht, dieser Adelsstolz ist da, und wenn sich viele Juden über die Mauer beklagen, die der Antisemitismus gegen sie aufbauen will, ist ihnen nicht bewußt, daß solche Mauern, und nicht niedrigere, von den Juden selbst mit jedem Tage neu aufgebaut werden, da sie sich nicht vermischen wollen noch werden, da sie sich behaupten, da sie ihr Blut „rein halten" wollen, da sie sich abschließen gegen die Masse, da sie ihren Namen behalten wollen, da sie der Tradition untreu zu werden als Niedrigkeit ansehen, mit einem Wort, da sie sich ihres Adels bewußt sind wie nur je ein adeliges Geschlecht, das seine Ahnen bis in die Zeit der Kreuzzüge verfolgen kann. Dies ist ja sehr natürlich. Welches Volk würde nicht adelsstolz, wenn man die Stammesgeschichte seiner Ahnen, von Abraham und den großen Fürsten Judas, den Baronen und Schwerthelden, bis zu den Weltherrschern wie Salomo, wenn man die Adelslisten seines Geschlechtes selbst in den entlegensten Orten der Erde schon den Kindern einprägte. Immerhin, es ist unser Blut und unser bleibt es. Daß wir, dieses uradelige Volk, auch noch den Schöpfer der am weitesten verbreiteten Religion aus unserm Kreise vortreten sehen in die Welt, daß die Welt ihren geistigen und moralischen Beherrscher, eben Jesus Christus, aus unserm Kreise hinaustreten sieht zur täglichen und scheinbar ewigen Weltherrschaft, das ist für uns kein Grund des Stolzes mehr, aber für die andern vielleicht ein Grund zur Demütigung. Es ist zuviel, oder es scheint zuviel. Vielleicht verlangt man von uns und hat dies schon vor zweitausend Jahren verlangt, daß ein Volk, nachdem es so Großes vollbracht, endlich von der welthistorischen Bühne abtreten solle. Denn nach solchen Taten und Tagen müsse es entweder allein herrschen über den bewohnten Erdkreis oder verschwinden und bloß noch die Runen seines Seins in die Geschieh ts* tafeln eingegraben lassen. Vielleicht wäre das Untergehen des Judentums im Nazarenischen ein ästhetisch schöner Anblick gewesen, wie der des sterbenden Paradiesvogels, der der Sage nach brennend aus seinem Neste auffliegt, nachdem er einen neuen Phönix geboren. Zwingen kann man kein Volk zu solch einem Flammentode. * Wie aber unser praktisches Verhalten jetzt? Die Verachtung hinnehmen und mit noch tieferer Verachtung erwidern? Oder den Antisemitismus bekämpfen, indem man das Judentum propagiert? Wie in jedem Falle unterscheiden, ob der Widerstand mir persönlich gilt oder dem spezifisch Jüdischen? Mir scheint nur eine Möglichkeit durchführbar. Sehen wir von uns persönlich ab! Nicht nur persönlich absehen von dem Ernst Weiß, der gerade hier davon spricht, sondern sogar absehen von dem „persönlichen" Kampfe für das Judentum, für das spezifische Volk, für die spezifische Gemeinschaft. Wenn es Kampf geben muß (und es muß ihn geben, scheint mir), dann führen wir ihn als Minorität. Ich bin mit meinem ganzen Herzen auf Seite der Minderheit. Es geht dies soweit, daß ich innerhalb der Grenzen der Tschechoslowakei, wo den Deutschen als Minderheit viel Unrecht zugefügt wird, anders mich für „das Deutsche" einsetze als jenseits der Grenze, wo die eben Unterdrückten selbst zu Unterdrückern werden „kraft ihrer Majorität". Die Minorität hat stets meine ganze Sym- IOI

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