Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Adliges Volk
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 100 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN Adliges Volk Es ist sehr schwer, als Jude zu dem Problem des Judenhasses Stellung zu nehmen. Kann denn der als Jude Gehaßte seine Stellung ändern, kann er ,,sich an die Stelle" seines Hassers versetzen und sich selbst gerecht werden? Soll man den Antisemitismus, wenn er einem begegnet, persönlich auffassen oder ihn einfach auf die Zugehörigkeit zu diesem fast unmeßbar weiten, mitten in einer unabsehbaren Entwicklung stehenden Volke der Juden zurückführen? Persönlich darf man den Antisemitismus wohl nicht fassen; ich muß mich nur insoweit vom Judenhaß getroffen fühlen, als er nicht mir persönlich gilt, also kein Anti-Ernst-Weiß-ismus ist, sondern nur dem „spezifisch Jüdischen" in mir gilt. Was ist aber das spezifisch Jüdische? Wer will das von meinen „persönlichen" Eigenschaften trennen? Soviel Fragen, soviel Probleme, kaum in Worten richtig faßbare, geschweige denn lösbare. Muß man aber angesichts dieser unlösbaren Probleme, für die zwischen den kämpfenden Parteien selbst die formale Verständigungsmöglichkeit fehlt, passiv bleiben, den Judenhaß tatenlos hinnehmen als die Schattenseite eines ungeheuren Ruhmes, den der Jude tatsächlich genießt? Denn für mich steht fest, daß der Antisemitismus, wie jeder Haß rühmlich ist; nicht ungehaßt lebt ein Volk, eine Gemeinschaft von Menschen ein auch in seinen Fehlern exemplarisches Dasein, nicht ungehaßt drückt es seinen Stempel, scheinbar ohne es zu wollen, säkularen Zeiträumen auf. Soviel scheint festzustehen, daß man den Judenhaß nicht persönlich nehmen darf. Wo zeigt er sich aber deutlicher als im Persönlichen, jetzt, da die Grundgesetze aller zivilisierten Staaten „den Juden als Staatsbürger garantieren"? Darf aber ein Volk von so adliger Vergangenheit wie das jüdische um persönliche Gegenliebe betteln? Darf man sagen, wir sind liebenswerter als ihr, die ihr uns abweist, wisset? Wir sind bessere Bürger des Staates, haben einen größeren Prozentsatz an geistig hochstehenden, einen kleineren an moralisch tiefstehenden Menschen? Liebt uns, und zum Danke dafür wollen wir noch bessere Gäste werden, uns noch dankbarer für die gewährte Lebensweide zeigen. Dies ist nicht möglich, oder wenn es möglich ist, nicht anzustreben. Gewiß: die Stellung der jüdischen, der sippenhaften, blutverbundenen Gemeinschaft in einem fremden Lande ist problematisch, sie muß qualvoll sein und das Dasein oft schwerer, wenn auch oft heroischer machen. Ich kann verstehen, daß ein so uraltes Volk wie das jüdische oft Sehnsucht nach Harmonie hat, daß es in Frieden und ohne Konflikte dahinleben möchte, daß es sich ausruhen und lieber auf viele Leidenschaft verzichten möchte, statt daß es den Haß, den Widerstand und die Abwehr auf sich nimmt. Dies aber widerspricht dem, was dem jüdischen Volke eigen war und ist: dem heroischen Grundzug, sagen wir dem aristokratischen, — es widerstrebt der exklusiven, eigenen Überzeugung von seiner Berufung, d. h. von seinem gottgewollten Adel. Berechtigt oder ioo