Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Adliges Volk
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 102 (sequence 3)
- Language
- German
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Bemerkungen päthie. Ich möchte gegen den Antisemitismus kämpfen, soweit er mit dem Recht der Masse sich gegen die Minderheit wendet. Ich glaube, daß wir in diesem Sinne dem Jüdischen tief treu bleiben. Denn eine Minderheit waren wir und sind wir. Wir werden vielleicht einmal verschwinden, nie aber verschwinden in der Masse wie „Sand am Meere". Schwerthelden, Geisteshelden, Handelshelden selbst, aber nie ungeformte, unformbare Masse, rinnender gleichartiger Staub. Dies unsere Ehre, unsere Schuld, Fluch und Segen zugleich wie jede echte Berufung. Ernst Weiß Ein Brief Sie haben mich wiederum um Teilnahme an Ihrer Enquete: Judentum — Deutschtum gebeten. Ich kann, auch nach Vorlage des Sonderheftes „Antisemitismus und jüdisches Volkstum", mich nicht näher dazu äußern. Das Heft, ich muß es sagen, war mir peinlich durch einige „deutsche" Mitarbeiter. Da fühlt sich ein schwacher Romanautor „von apriorischen Urteilen frei", äußert aber: ein gutes Buch von einem Nichtjuden sei „national bedeutsamer" als das eines Juden. Was ermuntert man solche Leute zu sprechen (was sie sprechen nennen)? Ein anderer glaubt mit seinem „rheinischen christkatholischen Namen" prunken zu dürfen und daß Bartels bei ihm keinen Most holen könnte, und die Fehler der Juden seien ja keine Fehler, sondern bittere Früchte und so weiter. Und er ist stolz, gezeigt zu haben, „daß der wahre Jude unter Ariern ein wünschenswerter Mitbürger sein kann". Meine Herren, und das müssen Sie sich sagen lassen und das drucken Sie ab. Ich bin rot vor Wut geworden. Einem dritten hat Buber heimgeleuchtet. Um es einfach zu sagen: solche Umfragen sind an sich genant; „Deutsche" aber daran teilnehmen zu lassen, verstößt gegen das primitivste Selbstgefühl. Shaw und Zweig haben einiges über das Selbstgefühl in dem Heft gesagt. Man orientiere und festige sich unter seinesgleichen; man besinne sich zu Hause. Einen Gesichtspunkt will ich doch hinsetzen. Die Juden sind bestimmt ein Volk; für mich hab ich das in Polen gesehen und erlebt. Obwohl sie kein Land und keinen Staat haben, sind sie dann in Deutschland einzelne Einwanderer wie Franzosen, Ungarn. In Massen wären sie eine Minorität. Sie haben das Schicksal jedes Fremden und Eingewanderten. Sie können nationalisiert werden; die Anhänglichkeit und den natürlichen Stolz auf ihre Herkunft brauchen sie damit nicht aufzugeben. Überstolze Inzucht wäre herausfordernd, — ist also, wie alles, was Einzelne tun, Privatsache. In Massen und Haufen müssen sie das Schicksal der Minorität gewärtigen: siehe Böhmen (dort die Deutschen), Italien (die Österreicher). Angehörige von Minoritäten, auch versprengte Einzelne haben immer ein Übergangsschicksal. Zwei Dinge werden den Antisemitismus auf das Niveau jedes anderen Völkerhasses ziehen und damit erledigen: ein stol.es Judenvolk in Osteuropa oder in Palästina, und bewußte Juden im Westen. Bewußt das heißt: sie vertreten offen, — wie ein Spanier oder Franzose oder Engländer — ihre Volksherkunft, unterhalten, soweit sie wollen und können, Beziehungen mit dem Stammvolk und ihrer Landsmannschaft, aber sind doch und durchaus, wenn sie nicht zurückkehren wollen, haltlose bodenlose Absprengsei, sind neu nationalisiert. Und damit haben sie ihre strenge gerade Linie auf das Volk hin, das sie aufgenommen hat. Bei welchem Sprung in ein neues Volk niemand zu ertrinken braucht: man erlebt massive Veränderungen, aber gibt auch ab. Assimilation erfolgt immer nach beiden Seiten. — Alfred Döblin 102