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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 97

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Gerechtigkeit
Date
1925-01-01
Page
97 (sequence 8)
Language
German
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IRI
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„Gerechtigkeit4* zu werden braucht; der gepredigt hat, daß der Sozialismus keine Wissenschaft sei und daß er nicht zu kommen brauche und nicht kommen werde, wenn nicht das menschliche Herz bereitet sei, ihn zu tragen; der die Verantwortung auf sich genommen hat, als er die Stunde gekommen glaubte, und der sie mit seinem Leben besiegelt hat. Die Verächtlichmachung dieses Todes und der Vergleich zu dem sogenannten Heldentod im Feld, den keiner von denen erlitten oder gesucht hat, die die Verantwortung trugen, legt die Vermutung nahe, daß das christliche Gnadenerlebnis, wie Schmitz es versteht, eine ganz verteufelte Ähnlichkeit hat mit der pharisäischen Selbstgerechtigkeit, auch wieder wie Schmitz sie versteht. Vielleicht kann man gerade von Landauer sagen, — sofern man so etwas überhaupt sagen kann —, daß er in der Gnade gestanden hat. Das allerdings war Gottesgnade, die — wie manche Gestalt der Geschichte lehrt — auch dann möglich ist, wenn man nicht an ein einmaliges historisch bedingtes Ereignis, den Sühnetod Christi, glaubt. Wir glauben, alles in allem, daß wir auf den Gerechtigkeitswillen, der uns zum Vorwurf gemacht wird, stolz sein dürfen; und wir glauben nicht, daß Gerechtigkeit und Gnade Begriffe sind, die einander ausschließen müssen. Eine ganz andere Frage ist, ob Schmitz nicht trotzdem recht hat, wenn er in der praktischen Auswirkung unseres Gerechtigkeitsverlangens einen wesentlichen Grund für die Fremdheit zwischen Deutschen und Juden sieht. Hier ist in der Tat ein Gegensatz vorhanden, nur daß er sich nicht nach dem Rezept von Schmitz beheben läßt. Hier gäbe es nur zwei Möglichkeiten der Forderung: Die eine an uns selber, die Zurückhaltung lautet und als Objekt der zu verwirklichenden Gerechtigkeit das eigene Volk empfiehlt. Es ist die zionistische Forderung. Und die zweite an die Deutschen: etwas mehr Nächstenliebe und Gefühl für die eigenen proletarischen Volksgenossen, weil sie dann nicht mehr wie heute jedem Vertreter wirklich sozialer Forderungen (gleichgültig, ob jüdisch oder christlich) mit diesem kalten Haß und dieser erbitterten Gemeinheit begegnen würden, die das deutsche Leben auf wirklich erschreckende Art vergiften. Das ist einfacher und erfolgversprechender als die Forderung nach einer „Wandlung" durch das Gnadenerlebnis, die wir ablehnen, nicht, weil wir glauben, ihrer nicht zu bedürfen, sondern weil wir glauben, daß die Möglichkeit des Gnadenerlebnisses keineswegs nur durch den Glauben an Christus gegeben ist. III. Danach läge also der Fall gänzlich hoffnungslos, und es wäre nicht einmal zu sehen, wo auch nur die Möglichkeit eines fried- ' Der Jude, IX, Sonderheft HI. 97

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