Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Gerechtigkeit
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 98 (sequence 9)
- Language
- German
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Gustav Krojanker liehen Nebeneinander herkommen sollte. Nun scheint mir aber Schmitz gerade durch seine sehr beachtlichen Ausführungen über die Engländer einen schwachen Hoffnungsstrahl gegeben zu haben. Es ist wahr, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen England und Deutschland in der Tatsache besteht, daß die Engländer zusammen mit einer einheitlichen gesellschaftlichen Kultur einen bestimmten gesellschaftlichen Typ, den Gentleman, entwickelt haben, während in Deutschland ein Chaos von Stämmen herrscht, innerhalb derer, abgegrenzt und unausgeglichen, nebeneinander die Berufsstände stehen. Mit dieser Feststellung ist der (hier schon früher erörterten) Anpassungsmöglichkeit der Juden an ihre Wirtsvölker zu einer tieferen Erkenntnis verholfen worden. Denn Anpassung, die nicht gleichzeitig Entselbstung und damit Entwürdigung ist, ist tatsächlich immer nur äußerlich möglich und bedarf als Voraussetzung eines einheitlichen, äußerlich erkennbaren und in seinen Formen nachahmenswerten Typs. Und es ist notwendig, daß die Menschen, denen der Fremde sich anpassen soll, mit dieser äußeren Anpassung zufrieden sind und von dem inneren Menschen nichts anderes verlangen, als daß er sich soweit verändert habe, wie das auch durch einen von außen nach innen wirkenden Einfluß zu geschehen pflegt. Auf ein tieferes Verständnis kommt es gar nicht an. Schmitz irrt, wenn er meint, ich hätte den Engländern Verständnis für ihre großen Männer nachgesagt; ich habe ihnen das Verständnis nachgesagt, ihre ,,großen Männer zu nutzen, gleichgültig welcher Abstammung sie sind." Das deckt sich ganz und gar mit seiner Behauptung, daß es dem Engländer, er mag zu allen Fremden innerlich stehen, wie er wolle, genügt, einen Menschen seiner gesellschaftlichen Kultur vor sich zu haben, um seinen Fähigkeiten freie Bahn zu geben. Mehr wünschen wir uns gar nicht: weder tieferes Verständnis noch gar besondere Liebe. Man braucht sich auch in Deutschland über uns nicht den Kopf zu zerbrechen. Und wir wären schon sehr zufrieden, wenn man hier auch von uns sagte: ,,Ich habe nichts gegen sie, ich denke, sie sind ganz ordentliche Leute." Während man hier alles gegen uns hat und je weniger man von uns weiß, um so sicherer sagt: „Ich denke, daß man ihnen alles Schlechte zutrauen muß." Das ist vielleicht begreiflich in einem Lande, in dem Staat gegen Staat, Stadt gegen Stadt und Stand gegen Stand steht, in dem die Einheit, das Reich, sich noch nicht einmal vor dem Kriege gegen die Fülle der Verwaltungen durchzusetzen vermocht hat; in dem es weder Formen noch einheitliches Übereinkommen und damit auch nichts gibt, was man deutsche Gesellschaft nennen könnte. Hier führt das Anpassungsbestreben zur Nachahmung deutschen Herrentums, eines exponierten Sonder- 98