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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 96

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Gerechtigkeit
Date
1925-01-01
Page
96 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Gustav Krojanker ruhende, immer wieder neu über die Tatsächlichkeit bestürzte und immer wieder neu zu bessern bemühte Aktivität einsetzt; wenn wir im Gegensatz zum Christentum der Ansicht sind, daß dieseErde, wenn auch vielleicht nie eine Stätte der Gerechtigkeit, so doch eine Stätte größerer Gerechtigkeit sein könnte als sie gegenwärtig ist — so sehen wir darin nichts, was man uns mit Fug als Vorwurf entgegenhalten dürfte. Aber jeder Einzelne, sagt Schmitz, glaube jetzt, frei von der Bindung durch religiöse Gesetze, aus eigener Eingebung zu wissen, welches Gesetz für die Menschheit am besten sei. Ja, das ist so, aber es trifft nicht nur auf uns zu. Seit die religiösen Normen ihre bindende Kraft verloren haben, ist der Mensch mehr als früher auf die Eingebungen seines eigenen Herzens gestellt, korrigiert nur durch Tradition und Erfahrung. Und in diesem Punkte allerdings dürfte es zutreffen, daß der jüdische Weltverbesserer leichter daneben greift als der deutsche, weil noch der Umsturz den Geist eines Volkes, sein Werden und seine Tradition widerspiegelt und weil der mit diesen Gesetzen Verknüpfte deshalb auf gefestigterem Boden sein Werk tun kann. Aber wer daneben greift, vergreift sich doch nur taktisch und schädigt, indem er Unwillen gegen sich hervorruft, in erster Linie seine Sache und seine eigene Person. Es trifft auch zu, daß den Weltverbesserern leicht ein Hang zu lebensfeindlicher Theorie und utopischem Fanatismus eignet; daß das „du sollst" ihres erdachten Weltenprogramms, schematisch auferlegt lebendigem Dasein, mitunter einen Zug engstirniger Vermessenheit trägt. Aber das ist dann ein Auswuchs des Gerechtigkeitsverlangens, und sein Gegenstück ist nicht das demütig heitere Gefühl der Gotteskindschaft, sondern jene Welt, die Schmutz, Elend und Sünde teils in tierischer Stumpfheit, teils in fröhlicher Nutznießung als gegeben hinnimmt. Es wird schwer sein, sich mit Schmitz über die Grenze zu verständigen. Wir könnten, ohne unsere Idee preiszugeben, manches Revolutionsjüngel preisgeben. Aber wenn er mit Namen wie etwa Marx und Landauer von der hohen Warte des Gnadentums fast wie mit dem letzten Unrat der menschlichen Möglichkeit verfährt, hört jede Verständigung auf. Es ist ein geradezu erstaunlicher Marigel an Instinkt, wenn jemand hinter dem Werk von Marx nichts von den Gluten spürt, die hier ein ungewöhnliches Maß geistiger Energie zu sachlicher Kühle geradezu gewaltsam vergletschert hat; wenn er glaubt, daß nur Haß ein Riesenwerk von solchem geistigen Ausmaß zustande gebracht und ein so schweres, gehetztes, entbehrungsreiches Dasein ertragen gemacht haben kann. Und vollends Landauer, in einem Sinne sein Gegenpol: dessen menschliche Wärme nicht erst hinter künstlichen Eiskrusten gesucht 96

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