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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 95

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Gerechtigkeit
Date
1925-01-01
Page
95 (sequence 6)
Language
German
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„Gerechtigkeit" geführt hat, daß sie sogar von Natur ein konservativ veranlagtes Volk sind, die nur durch gesellschaftliche und rechtliche Zurücksetzung naturnotwendig nach links gedrängt wurden, aber selbst dort, ihrer wirtschaftlichen Stellung entsprechend, viel stärker in den gemäßigten Reformparteien als in den ausgesprochenen Umsturzparteien zu finden sind. Und der zweite Weg hätte zu zeigen: daß der Einfluß der Juden auf das europäische Geistesleben von Antisemiten und jüdischen Nationalchauvinisten überhaupt ungeheuer überschätzt wird. Was gemeint ist, kann durch den berühmten Streit am klarsten werden, den Sombart in die Welt gebracht hat. Nach ihm ist der Kapitalismus überall da aufgeblüht, wo die Juden hingekommen sind. Nach einer wesentlich einleuchtenderen Theorie (Brentano u. a.) sind sie überall dahin gewandert, wo der Kapitalismus schon im Aufblühen war und haben ihn dann allerdings gefördert. Mit anderen Worten: die verbreitete Annahme, daß die Juden innerhalb ihrer Wirtsvölker Strömungen und Bewegungen, nur weil es ihnen so paßte, aus dem Nichts in die Welt gesetzt haben, ist nicht ernsthaft diskutierbar. Sie waren immer als zahlenmäßig verschwindend Wenige in eine Welt gesetzt, deren geistige und materielle Kultur, auf uralten Traditionen ruhend, ihre eigenen, von ihnen unabhängigen Wege ging. Schwer zu sagen, wie Europa heute ohne Juden aussehen würde. Aber die Annahme, daß auch nur eine der irgend belangreicheren Strömungen und Tatsachen, die doch ihrerseits wieder auf Strömungen und Tatsachen ruhten, ohne sie nicht da wären, dürfte für die europäischen Völker nur sehr wenig schmeichelhaft sein. Sie können gefördert, beschleunigt, betont, aber nicht neue Tatsachen in eine andersgeartete Welt gesetzt haben. Die beiden Wege dieses Verfahrens zu wählen, hieße aber, den Einwänden nur von außen begegnen und ihre Berechtigung, indem man sie entkräftet, implizite anerkennen. Wenn also auch beide Entgegnungen ihre Wahrheit haben, indem sie das Maß unserer Wirksamkeit auf ihren tatsächlichen Umfang abschwächen, so glauben wir doch, keinen Anlaß zu haben, uns auf die anderen herauszureden, sondern sehr wohl imstande zu sein, uns zu unseren Taten zu bekennen. Wenn Schmitz die Ordnung des menschlichen Zusammenlebens der christlichen Menschenliebe zu überlassen wünscht, so haben wir dazu zu sagen, daß es zwar auch unseres Erachtens ohne Liebe nicht gehen wird, daß es aber allein mit der Latenz und Passivität des christlichen Nächstengefühls erst recht nicht gehen wird. Und wir wären in der Lage, diese Behauptung durch den Ablauf der Dinge überwältigend und beschämend zu beweisen. Und wenn es nun tatsächlich so sein sollte, daß von unserer Seite eine nicht 95

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