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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 93

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Gerechtigkeit
Date
1925-01-01
Page
93 (sequence 4)
Language
German
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„ Gerechtigkeit'1 Aufgabe, ihn führen zu wollen. Es heißt nicht verletzen, sondern nur eine Wahrheit feststellen, wenn man sagt, daß insbesondere die Menschen, die auf deutscher Seite den Gegensatz am stärksten betonen, in erster Linie Heiden sind, leicht überzogen von einer christlichen Tünche, die fast immer nur im Wortschatz und fast nie in Tat, Gesinnung und des Wesens bestimmenden Elementen ihren Ausdruck findet. Warum also erst über den Vorrang des christlichen Gnadenerlebnisses streiten, wenn man sieht, wie es sich wohl negativ im Gehen- und Geschehenlassen äußert — ,,wir müssen sündigen, solange wir hier weilen; dieses Leben ist nicht die Stätte der Gerechtigkeit4' —, wie es aber kaum je in seinem positiven Teil, in dem die begnadete Natur nicht anders kann als ihrer christlichen Pflicht zu genügen, zum versöhnenden Durchbruch kommt. Was Schmitz als Beleg für die von ihm behauptete Teilhaberschaft des christlichen Deutschen an einer geheimnisvollen Gnade bringt, nämlich ,,diese wenn auch bisweilen dümmliche Unschuld, diese vertrauensvolle Einfalt, diese Unbefangenheit der Natur gegenüber, aus der ihre Feste und ihre primitive Heiterkeit in Wald und Feld stammen, kurz alles das, was spöttisch als Gojim-Naches bezeichnet wird . . ., aber im Grunde auf der Gnade einer unverlierbaren Kindschaft beruht", beruht im Grunde auf der Fähigkeit reiner Dialektik. Schon dieser Abstand des Intellektuellen, der gut versteht, was der Jude als G.-N. bezeichnet, ist psychologisch interessant. Man begreift, wie er in ein ihm offenbar selbst fremdes Verhalten nachträglich intellektgeborene Elemente hineinträgt, die ursprünglich mit der Sache selbst auch nicht das geringste zu tun haben. Wenn der Judedieser Unbefangenheit entbehrt und sie allerdings häufig dem Deutschen neidet, so ist das nichts als die Folge eines Lebens, das durch die Jahrhunderte von Licht und Pflanze getrennt war. Es ist nicht nötig, in diesem Zusammenhang Christus zu bemühen, weil alle diese Kennzeichen genau so auf den Heiden zutreffen und nicht die Folge einer Religion, sondern einer Ursprünglichkeit sind, die den Zusammenhang mit Wasser und Erde noch nicht verloren hat. Auch Schmitzens Hinweis auf die christliche Erbmasse im Blute der Deutschen, auf die tiefen Spuren des christlichen Erlebnisses, die als ,,Engramme" im heutigen Menschen ruhen, scheint mir nicht viel überzeugender. Ich sage nichts gegen die Feststellungen der Psychologie, die auf ihrem Boden natürlich berechtigt sind, aber, ohne kompetent zu sein, habe ich doch immer geglaubt, daß man unmöglich Gnadenerlebnis und Psychologie überhaupt in einem Zusammenhang nennen darf. Denn das Gnadenerlebnis ist ja gerade das Einmalige, das Unerklärbare, das Wunder schlechthin, das einsetzt, wo alle menschliche Bemühung versagt, und das völlig 93

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