Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Gerechtigkeit
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 91 (sequence 2)
- Language
- German
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„Gerechtigkeit" I. Die Rassentheorie hat nun wohl doch abgewirtschaftet. Die alberne Konstruktion von der indogermanischen Edelrasse, die alles Licht dieser Welt auf sich zieht, und von der Pariarasse der Semiten, die schmarotzend ihr minderwertiges Dasein führt, hat ihre Riesenbluffwirkung bereits hinter sich. Die Fassade ist stark angestoßen; morsch und wurmstichig präsentiert sich das traurige Gebäude dahinter. Es ist nichts mehr für ernsthafte Leute, die auf Reputation geben. Aber der deutsch-jüdische Gegensatz besteht weiter und bedarf also einer neuen Erklärung, die der Feindschaft gleichzeitig ihre innere Rechtfertigung gibt. Eine neue? Aber vielleicht tut es auch eine alte, der nur das moderne Gewand heutiger Terminologie gegeben zu werden braucht. Die Juden waren vor jener erleuchteten Zeit, in der ihr ausgesprochener Mangel an kulturschöpferischer Kraft offenbar wurde, ganz einfach das Volk der Christustöter; und was sie litten, war nur geringe Sühne für jene entmenschte Tat. Das war bestimmt die dankbarste Parole, die man jemals gehabt hat. Dieser Kriegsruf ging dem Mann aus dem Volke, der unter der starken objektiven Bindung der Kirche stand, leicht, verständlich und abscheuerregend ein. Was später kam, war schon kompliziert und nur für die Gebildeten berechnet. Schmitz seinerseits greift auf die einfache Parole wieder zurück, aber er hat das Pech, daß das historische Ereignis der Tötung Christi für die große Masse inzwischen eben ein historisches Ereignis geworden ist, das die Affekte kalt läßt. Es muß also gedanklich symbolisiert werden, daß wenigstens den Gebildeten etwas in die Hand gegeben werden kann. Und für diese gedankliche Symbolisierung ist doch die Rassentheorie nicht vergebens gewesen: sie hat die Großartigkeit des Wurfs, die Kühnheit in der Aufstellung polarer Ideen und jene Unbedenklichkeit gelehrt, die die Tatsachen nach Maßgabe des gesetzten Schemas zu deuten und einzuordnen weiß. Dem Aufsatz von Schmitz liegt die Gegenüberstellung von Gnade und Gerechtigkeit zugrunde als zwei Möglichkeiten der menschlichen Seele, überhaupt zu dem Göttlichen in Beziehung zu treten; Möglichkeiten, die sich auf Ebenen von sehr verschiedener Höhenlage erfüllen. Diese Grundlage ist das Einzige, was an dem ganzen Aufsatz als richtig akzeptiert werden kann. Was er darauf errichtet, ist ein windiger Bau mit viel dialektischem Zierat. Erstes Stockwerk: Der Gnadenbegriff wird restlos für das Christentum usurpiert, das Judentum kurzerhand als Gerechtigkeitsreligion angesprochen und damit auf die tiefere Stufe verwiesen. (Rassentheorie: alle Kulturwerte werden für die arische Rasse in Anspruch genommen, alles Zweitrangige wird den Juden zugeoz