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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 85

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Der jüdisch-christliche Komplex
Date
1925-01-01
Page
85 (sequence 18)
Language
German
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Der jüdisch-christliche Komplex diesen Gesichtspunkten hat sich auch in Deutschland schon mancher Industrielle bekehrt, vielleicht ohne sich ihrer christlichen Herkunft ganz bewußt zu sein, der Marxismus hingegen ist eine Drachensaat, aus der nur Gift wachsen kann, zumal er, als direkte Umkehrung des Christentums durch seine Projektion seelischer Werte ins Flach-Soziale, eine scheinbare, viele verführende Ähnlichkeit mit ihm hat. Der Unterschied aber liegt darin, daß das Christentum den Wert aufs Geben legt, der Marxismus auf das Empfangen, woraus der Bolschewismus folgerichtig ein Nehmen gemacht hat. So erstickt der Marxismus jede soziale Regung "im Proletarier wie im Kapitalisten. Oder gibt es etwas Entmenschteres als jenes kaltschnäuzige Achselzucken, das die Ausrottung der ganzen ,,bürgerlichen" Klasse in Rußland als (vielen nicht einmal bedauerliche) Übergangserscheinung hinnimmt, damit das Gesetz Karl Marxens erfüllt werde? Sein Analogon ist der Pogrom- Antisemitismus. Die stete Gereiztheit der Antisemiten und die bekannte Empfindlichkeit der Juden haben dieselbe Ursache: einen unausgefüllten Seelenraum, dem das christliche Gnadenerlebnis fehlt. In ihm zerschmölze undifferenziertes antisemitisches Heidentum wie sogenannter jüdischer Geist" in einem milden Feuer. Beide sind heute noch Gegenspieler, deren Typen zum Aussterben verurteilt sind, während die Entwicklung des Menschen heute schon höhere Ebenen zu betreten erlaubt. Der Materialismus des 19. Jahrhunderts hat aus der Judenfrage eine heidnische Rassenfrage gemacht. Sie bleibt hingegen, was sie immer gewesen ist, eine religiöse Frage: werden sich Christen und Juden im Reich des Heiligen Geistes die Bruderhand reichen können? Ich wiederhole: Wandlung muß auch auf selten der Deutschen verlangt werden. Die Entfremdung von den Kirchen hat dem Heidentum unter ihnen wieder bedenklichen Raum geschaffen, und er wird sich nicht schließen, ehe nicht das christliche Erlebnis auch von ihnen subjektiv seelisch verstanden wird. So wenig deutsche Hybris vom Marxismus aus zu bekehren ist, so unmöglich ist die Überwindung des unerwünschten Judentums aus heidnischem Herrentum. Durch Verschiebung des Problems in das Gebiet der Rassenf ragen ist es völlig verdunkelt worden, aber ebensosehr durch einen Zynismus, der sagt, die christliche Einstellung zur Ewigkeit sei ein „Trick" der Gojim, um sich über die unangenehme Angelegenheit des Todes hinwegzutäuschen, sieht doch z.B. die Freudschule in dem Unsterblichkeitsglauben einen „Narzismus", der den Gedanken nicht erträgt, daß es mit dem „heben Ich" einmal zu Ende sein könnte. Nein, die Juden haben 85

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