Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 83 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdisch-christliche Komplex gescheiter Jude in die Hand nehme. Ich glaube, man kann auch umgekehrt sagen, daß der Zionismus, der heute in Gefahr ist, heidnischem imperialen Nationalismus zu erliegen, nur gerettet werden kann, wenn auch seine Führer innerlich das christliche Erlebnis durchmachen. Darf ich hier von mir selbst berichten, daß ich, von katholischen Vorfahren stammend, protestantisch getauft und konfirmiert, dreimal im Leben dicht vor der katholischen Konversion gestanden bin, und daß ich von der Sehnsucht nach der Mutterkirche schließlich gerade dadurch befreit wurde, daß sich in mir das christliche Kindheitserlebnis bewußt wiederholte. Eine Näherung an den Protestantismus hat es indessen eben so wenig gebracht. (Ich verweise auf das im Oktober erscheinende autobiographische Buch: Ergo sum, Jahre des Reifens.) Ich kann mir daher denken, daß man nach diesem Erlebnis zu jedem Gesinnungsinhalt und äußeren Lebensaufbau, also auch zu einem zionistischen fähig ist. Was ich mir aber nicht denken kann, ist, daß die Rückkehr zum jüdischen Gesetz, das ja die geistigen Juden selbst fallen gelassen haben — freilich nicht zu gunsten der christlichen Freiheit durch die Gnade, sondern zu gunsten der Freigeisterei durch die mechanistische Wissenschaft —, daß solche Rückkehr das christliche Erlebnis ersetzen kann, mag sie mit noch so viel Ehrfurcht und Pathos geschehen. Es bleibt eine reaktionäre Wendung zu einem früheren gebundeneren Seelenzustand der Menschheit— dies meint wohl auch Buber —, während Christentum Fortschritt und Freiheit ist. Natürlich handelt es sich hier um keinen Willensakt. Man kann die Gnade nicht wollen. Man kann aber den persönlichen Widerstand gegen sie auflösen, ja dies kann man sogar, da er vorwiegend im Unbewußten liegt, mit intellektuellanalytischen Methoden tun, wie sie jüdische Psychologen entdeckt haben. Auch das Christentum befindet sich zurzeit in einem Zustand großer Labilität. Auch hier ist Wandlung im Werden, und wenn in diesen Ausführungen einseitig jüdische Wandlung gefordert wurde, so nur, weil eben hier über Juden zu Juden gesprochen wird. Die neuerliche Überfüllung der Kirchen aller Schattierungen darf nicht täuschen. Gemeint ist hier nicht mehr die Kirche, sondern das innere Erlebnis auf der Stufe des Subjekts, und immer mehr wird erkannt werden, daß die Kirche ebensowohl durch ihre Symbole den Weg zeigen, wie ihn durch Festhalten des Gläubigen auf der „Objektstufe" verhindern kann. Vielleicht braucht das dem Neuen Testament folgende, nunmehr erwartete Reich des 6* 83