Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 82 (sequence 15)
- Language
- German
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Oscar A. H. Schmitz Alles dies gilt natürlich nur für die Juden, deren Judentum an sich keinen Inhalt mehr hat. Nur dieses ist unerwünscht, weil es eine Besonderheit behauptet, die niemand versteht, und die bei näherer Analyse nur allzusehr eine von „pharisäischen" Theorien gestützte Empfindlichkeit zu sein scheint. Ein erfülltes Judentum dagegen wird immer imponieren. Ich würde es am ersten in einem weit über das örtliche Zion hinaus verstandenen Zionismus erkennen, wie ich ihn in meinem ersten Aufsatz angedeutet habe, doch dies geht im einzelnen uns Christen nichts an, es ist Sache der Juden, wie sie ihr Judentum erfüllen werden, indessen sei hier wiederum auf das Wort eines ihrer Größten, Disraelis, hingewiesen, der Christentum erfülltes Judentum nannte. Das können wir heute außerhalb jeder konfessionellen Bindung rein psychologisch verstehen. Das christliche Erlebnis bedeutet den größten „Fortschritt", den die westliche Menschheit je vollzogen hat. Sie wird zwar vorübergehend immer wieder in die wüstesten Roheiten zurückfallen, solange ihr „Gesetz" noch das unerläßliche Stück leiblichen Heidentums im Menschen verdrängt, dadurch auf roher Stufe und zu häßlichen Ausbrüchen bereit erhält, statt es in den christlichen Wertekreis einzuordnen und dadurch zu differenzieren, aber die Lektüre irgend eines antiken Schriftstellers wird einen belehren, daß das Bewußtwerden der „anima naturaliter christiana" vor fast zweitausend Jahren einen nicht mehr zu verleugnenden Unterschied der Seelen hervorgebracht hat, an dem unbewußt auch die Juden teilgenommen haben. Wir sind Christenmenschen geworden, und alle jüdische Befangenheit der Welt gegenüber beruht einzig und allein darauf, daß sie das nicht Wort haben will. Die Juden sperren sich gegen diesen inneren Fortschritt und diese tiefste Freiheit, die in der Wandlung durch die Gnade liegt, ohne ihr eigenes altes Gesetz aufrecht halten zu können, und überkompensieren nun ihr Zurückgebliebensein, indem sie sich hitzig dem materiellen Fortschritt und den äußerlichen Freiheitsdoktrinen verschreiben, und überall, wo Einhalt und Bindung geboten wird, Reaktion wittern: wiederum eine Projektion des eigenen reaktionären Zustandes nach außen, so wie die Gojim gern ihre eigenen bösen Instinkte auf die Juden projizieren, die „an allem schuld sind", angeblich die Sitten verderben, während der naive Goi bekanntlich ohne so schlechtes Beispiel ein Muster an Keuschheit und Ehrlichkeit wäre. Ein geistreicher jüdischer Satiriker hat gesagt, aus dem Antisemitismus könnte nicht eher etwas werden, bis ihn einmal ein 82