Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 81 (sequence 14)
- Language
- German
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Der jüdisch-christliche Komplex Menschendaseins erfahren, aber da ihnen dann absolutes Unrecht geschieht, wird sich nicht jener jüdische Minderwertigkeitskomplex entwickeln, der sich an unzugestandenen inneren Spaltungen nährt, sondern eher ein tieferer Ernst. Ihre Teilhaberschaft an dem christlichen Urerlebnis der Gnade kann ihnen kein Antisemit mehr rauben. Wie weit sie davon Gebrauch machen, liegt dann in ihrer Hand wie bei den arischen Kindern. Wie aber können sie hoffen, volle Aufnahme in die deutsche Gemeinschaft zu finden, Avenn sie, statt deren christliches Grunderlebnis zu achten, als „Freigeister" sich zu denen gesellen, die dieses verleugnen? Gibt es einen durchsichtigeren Selbstwiderspruch? Die Teilhaberschaft an einer geheimnisvollen Gnade ist es, was die Juden den Christen neiden, was sie an ihnen bewundern, ja oft lieben, diese wenn auch bisweilen dümmliche Unschuld, diese vertrauensvolle Einfalt, diese Unbefangenheit der Natur gegenüber, aus der ihre Feste und ihre primitivere Heiterkeit in Wald und Feld stammen, kurz alles das, was spöttisch als „Gojimnaches" bezeichnet wird, oft auch wirklich der Komik, ja Roheit nicht entbehrt, aber im Grunde auf der Gnade einer unverlierbaren Kindschaft beruht. Ist es doch auch diese, die den Juden deutsche Musik und Dichtung so teuer macht, zu deren besten Deutern und Verherrlichern sie gehören, ja bis zur Überschätzung jener einseitig sentimentalen Dichter wie Gerhart Hauptmanns und gewisser südwestdeutscher Schriftsteller, deren Ruhm von Juden gemacht wurde, während Deutschen, die es zu einer gewissen Bewußtseinshelle gebracht haben, denen aber die deutsch-christliche Gemütskultur zu selbstverständlich ist, um über ihren Ausdruck jedesmal zu erstaunen, leicht vor der Goetheähnlichkeit des gewiß bedeutenden Schlesiers bange werden kann. Diese innere Welt der Deutschen, die mit dem christlichen Urerlebnis steht und fällt«, ohne das sie Bärenhäuter geblieben wären, ist es, dem gegenüber die Juden tatsächlich noch Fremde sind, aber es ist ein psychologisches Gesetz, das für jeden, auch für Nichtjuden gilt, daß man die eigene innere Schuld, so lange sie nicht erkannt ist, auf die äußeren Umstände projiziert. Darum glauben die Juden, sie würden grundsätzlich von der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen. In dem vorzugsweise sozial orientierten (extravertierten) England genügte es zu ihrer Aufnahme, daß sie Gentlemen wurden. In dem ungesellschaftlichen, geistig-metaphysisch orientierten (introvertierten) Deutschland ist eine innere Wandlung nötig, ohne die, trotz Beseitigung des äußeren Ghettos, das innere Ghetto fortbesteht. 6 Der Jude, IX, Sonderheft III. 8l