Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 80 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Oscar A. H. Schmitz liegen, und bis zu einem gewissen Grad sind auch die Juden davon berührt. Nur muß dieses Erlebnis durch die Erziehung im Einzelnen erneuert werden, um sich voll auswirken zu können, gleichgültig zu welcher bewußten Haltung er sich später entschließe. Ein Mensch, der die Geschichten des Evangeliums mit dem Gemüt aufgenommen hat, ehe seine Kritik erwacht war, dem sich unterhalb alles später Gelernten biblische Sprüche wie „Sei getreu bis in den Tod" als Engramme eingeprägt haben, in dem von Zeit zu Zeit fern von der Zone ästhetischen Genießens aus Urgründen heilige Melodien der Messe oder des Kirchengesanges aufsteigen, dem ist die Gnade näher, als jenem, der dies alles später zwischen andern wertvollen Dingen hört und vielleicht intellektuell bejaht. Der Unterschied des christlich erzogenen Menschen von dem jüdischen ist, auf eine kurze Formel gebracht, der, daß das christliche Kind zuerst die Funktion des Glaubens entwickelt und dann erst die der Kritik (diese übrigens in Deutschland meist viel zu schwach, wodurch sie sich dann später oft überkompensiert), und daher durch das ganze Leben hin lieber vertraut als zweifelt, während für den jüdischen Menschen das Zweifeln die primäre Einstellung geworden ist. Infolgedessen nimmt seine Seele von vornherein die äußeren und inneren Bilder nicht unbefangen auf, daher als Kehrseite seines scharfen Verstandes, ihm selbst wohl bewußt, die mangelnde Produktivität im eigentlichen Sinn. Wäre dies Rasseeigentümlichkeit, so dürfte man es Lieblosigkeit nennen, daß ich ein solches unheilbares Übel an dieser Stelle nenne. Zum mindesten wäre eine solche Feststellung überflüssig. Ich sehe indessen in diesem jüdischen Mangel nur ein Zurückbleiben auf einer früheren Heilsstufe, die man heute nicht mehr fruchtbar machen kann und daher intellektuell überkompensiert wird, also eine unselige psychologische Einstellung, die durch Einfühlung in das christliche Erlebnis, das ja zuerst ein Jude gehabt hat, gewandelt werden kann. Der Vorläufer dieses Juden nannte die zu seiner Aufnahme nötige Haltung Metanoia, Wandlung; die moralisierende Übersetzung Luthers durch das Wort Buße wird heute als falsch erkannt. Die Taufe mag als ein äußeres Zeichen dem erwachsenen Juden peinlich sein, obwohl die katholische Kirche mit ihren jüdischen Konvertiten ganz besonders gute Erfahrungen zu machen pflegt. Ich habe die Taufe daher nur für die Kinder vorgeschlagen, damit sie von vorneherein in sichtbarer Form der christlichen Gemeinschaft teilhaftig werden. Haben sie trotzdem durch einzelne antisemitische Rohlinge wegen ihrer Herkunft einiges zu leiden, so werden sie früher die Tragik des So