Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 79 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdisch-christliche Komplex nur annäherungsweise den dynamischen Willen des Schöpfers ausdrücken; darum können wir ihn auch nie ganz genau wissen. Leben ist vielmehr ein dauerndes Risiko zu sündigen, im Vertrauen darauf, daß die Gnade uns dennoch umfängt. Wir wissen, daß wir, mit Schiller zu sprechen, nicht länger Knechte, sondern Kinder im Hause des Vaters sind, und daß uns Liehe erlösen wird, wenn wir nicht verstockt sind. Damit hört weder Gegnerschaft, noch Kampf und am allerwenigsten Irrtum und Sünde auf, wohl aber fallen die pharisäischen, wenn auch noch so heilig gemeinten Ansprüche der Einzelnen hin, zu wissen, wie die Welt sein „sollte", dies Wissen in eine Theorie festzulegen, sie mit Gewalt der Natur der Dinge aufzuzwingen, und im äußersten Fall (Bolschewismus) nach solcher Theorie zu bestimmen, welche Menschenklasse überhaupt ohne Ansehen der Person am Leben bleiben darf, welche nicht. Wie gesagt, dieses antichristliche Verhalten ist durch seine abgefeimte, hochmütige Bewußtheit viel teuflischer, als die stumpfsinnigste Roheit unchristlichen Herrentums. Wer indessen in jener weiten Fassung des christlichen Gnadenerlebnisses ebenfalls ein Stück heidnischer Natur wiederkommen sieht, dem widerspreche ich nicht. Nichts liegt mir ferner, als die Nachfolge Christi zu preisen, denn gerade die Durchdringung mit der christlichen Liebe erlaubt uns, der uralten Heidennatur wiederum Einlaß zu gestatten, denn nun ist auch sie von der Gnade berührt, oder wissenschaftlich gesprochen: psychologisch differenziert. Der erkannte Christus erlöst Luzifer aus der Hölle trotzigen Aufruhrs, den Dionysos aus blinder Stoffverfallenheit. Das ist nach zweitausend Jahren Christentum psychologisch möglich. Der „Nichtsals-Christ" dagegen verfällt heute derselben Erstarrung wie der Pharisäer, der Christus nicht erleben will. Wer eine christliche Erziehung empfangen oder christliche Erbmasse im Blut hat, vermag, wie verneinend auch sein Bewußtsein heute dazu steht (Nietzsche), niemals zu jenem teuflischen Antichristentum zu gelangen. (Ich sehe ab von der primitiven russischen, jeder Differenzierung unfähigen Form des Christentums, die, wie wir schaudernd sehen, einfach fortgeschmissen und rationalistisch überbaut werden kann, wodurch dann ein Lenin möglich wird.) Die unser bewußtes Seelenleben durchforschende Wissenschaft hat ontogenetische und phylogenetische Schichten gefunden, wo die Erinnerungen frühester Kindheit wie der Ahnen als Engramme ruhen (Rassegedächtnis) und unter Umständen wieder erwachen können. So gibt es heute keinen westlichen Menschen, in dem nicht tiefe Spuren des christlichen Erlebnisses 79