Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 78 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101218-3110421--8054-3110526- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Oscar A. H. Schmitz der lese die Briefe von Marx an Engels. Ein furchtbareres, lieb- und gnadeloseres Menschentum gibt es nicht. Die Arbeiterklasse kannte Marx überhaupt nicht. Im Britischen Museum holte er sich das Anklagematerial gegen die ihm verhaßten Herren, und so begann nicht ein heldenmütiger Kampf, sondern ein gehässiger Prozeß. Das ist schlimmer als einseitig heidnische „Herrenmoral", der immer noch eine rohe Form der Unschuld innewohnt. Denselben Geist atmet oft die Polemik jüdischer Literatoren, selbst von Rang. Gegenüber ihrem nicht nur unchristlichen, sondern antichristlichen Vernichtungswillen, der nicht gegen Sünde und Irrtum kämpft, sondern persönlich gegen den Sünder und den Irrenden, ist die gröblich unerzogene teutonische Polemik reine Kinderei. Mir will scheinen, daß das Umschlagen der Nächstenliebe in revolutionäre Haßgesinnung die Furcht verrät, daß jene Nächstenliebe den geraden Weg ins Christentum gehen könnte. Was aber ist es nun dem gegenüber um den psychologischen Inhalt des Erlebnisses des Christentums selbst? Die Gerechtigkeit wird durch die Gnade ersetzt. Gerechtigkeit bleibt zwar eine subjektive Tugend, die wir üben sollen, die aber nicht im mindesten gewährleistet, daß uns nun auch Gerechtigkeit widerfährt, geschweige denn jeweils unseren Möglichkeiten das Optimum der Lebenslage zuteil wird. Wir müssen das Leid als Menschenlos hinnehmen, aber durch die Passion Christi erhält es einen anderen Sinn. Es wird annehmbar, denn die Erfahrung zeigt, daß gerade diese Hinnahme ohne Rechthaberei schon die Gnade enthält, denn sie befreit von dem qualvollen Zustand des Pochens auf doch unerreichbare Gerechtigkeit, sei es für sich selbst, sei es für andere. Marxistischer Flachheit erscheint dies als ein Trick der Herrschenden, die Armen dauernd unten zu halten. Buber sagt, das jüdische Gesetz bedeute einen heiligen Verzicht auf das Unmögliche, während seine Erfüllung möglich sei. Dieser Verzicht aber ist eine heillose Verengung, ein Verzicht auf Freiheit, Unschuld und Gnade. Buber deutet auf die freilich tiefe Kluft hin, die unter den Christen, die mehr wollen als Gesetzerfüllung, infolgedessen zwischen gemeintem und gelebtem Leben besteht. Diese ist auch den Chinesen aufgefallen, deren „Gesetz" so tief kosmisch-überethisch verwurzelt ist, daß es sich mit der Freiheit begnadeten Menschentums deckt, während jener Widerspruch in der Christenheit die Folge eines noch immer zu buchstäblich gefaßten Gesetzesbegriffs ist. Jedes Gesetz, und wäre es das unmittelbar einleuchtendste von allen: „Du sollst nicht töten", ist, wenn von Menschen formuliert, ein lebloser Satz und kann 78