Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 77 (sequence 10)
- Language
- German
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Der jüdisch-christliche Komplex geblieben, ein Analogon zu der bekannten deutschen Protesteinstellung, die den evangelischen Glauben überlebt hat. Jenes ewige Protestieren gegen alle Form macht dem Deutschen das Hineinwachsen in die europäische Gemeinschaft so schwer, während der Jude ohne Thora leicht zum lebensfremden Fanatiker utopischer Theorien wird, die er der Welt als erlösende Formel auferlegen will. So entstand der jüdische Liberalismus, der Marxismus, der Bolschewismus und jenes traurige Heldentum der Revolution, wo junge und auch alte Burschen in hysterischer Zerfahrenheit sich für theoretische, logisch diskutierbare Sätze ins Chaos stürzten, im Gegensatz zu dem gelassenen, auf unwiderlegbaren Gemütswerten beruhenden echten Heldentum, das auch die Juden kennen, wenn es um ihre wirkliche Sache geht. Die fanatische Ereiferung für gewaltsam dem Leben aufzulegende Theorien, d. h. ihre pharisäische Mentalität, ist die zweite Komponente der jüdischen Linksstellung m der deutschen Gesellschaft, aber während die erste Ausdruck eines erhabenen Schicksals ist, weil sie aus rassischer Abwehr eines Gottesvolks gegen undifferenziertes Heidentum stammt, ist die zweite willkürlich, sinnlos, intellektgeboren, affektgeladen, darum aber auch psychologisch wandlungsfähig. Jüdische Mütter ringen daheim die Hände über die Schlemieliaden ihrer Söhne, die sich in Dinge, nein, unter Schemen mischen, die sie zunächst einmal ganz und gar nichts angehen, und keine denkt wohl dabei an Makkabäertum. Darum wird auch niemand das gräßliche Ende Landauers mit dem Heldentod im Feld, die verblendete Politikasterei der Toller und Mühsam mit der freiwilligen Meldung zum Kriegsdienst verwechseln. Ganz zweifellos beruhte die deutsche Begeisterung von 1914 ebenfalls auf Irrtümern, nämlich über Deutschlands Recht, und wer sie erkannte, wird sich kaum persönlich zu diesem Heldentum veranlaßt gefühlt haben, aber das Gefühl jener Opferwilligen war ganz echt und gerade gewachsen, ging es doch um die Wirklichkeit der eigenen, wenn auch vielleicht mißverstandenen Sache. Jedenfalls hat in deutschem Munde die Frage Berechtigung: Was in aller Welt gingen Marx, Lassalle, Eisner, Landauer, Toller die deutschen Proletarier an? Nur die gemeinsame Gegnerschaft gegen die Herrenklasse, keine menschliche Nähe, verband sie mit ihnen. Diese Gegnerschaft, in der Tiefe berechtigt, war jedoch an der Oberfläche zum persönlichen Affekt geworden, der sich der marxistischen Theorie als rechtfertigenden Gesetzes bediente, und damit wurde aus Recht Unrecht, ja Verbrechen. Wer an dieser Psychologie die geringsten Zweifel hat, 77