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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 76

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Der jüdisch-christliche Komplex
Date
1925-01-01
Page
76 (sequence 9)
Language
German
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Oscar A. H. Schmitz Nun hat obendrein der moderne Jude jenes äußere Gesetz selbst als Anachronismus aufgegeben, aber rein intellektuellkritisch, ohne dafür den positiven Gefühlswert der christlichen Heilslehre einzutauschen, über deren Sinn gleich gesprochen werden soll. Die jüdische Selbstabsperrung also, ursprünglich eine Haltung einzigartiger, tiefster konservativer Rassenweisheit, wurde, nachdem sie über die Dauer ihres Sinnes hinaus doch zäh festgehalten worden war, zur Ursache jenes Mißtrauens, aus dem heraus das christliche Europa die Juden ins Ghetto verschloß. Diese Antwort der Umwelt ist ein symbolischer Ausdruck des seelischen Ghettos, zu dem sie sich selbst innerhalb der christlich gewordenen Welt verurteilt hatten. Nun ist zwar das Ghetto äußerlich aufgehoben, aber, wie Krojanker sehr zutreffend sagt, besteht es unsichtbar fort, doch, was besteht, ist dieses rein innerliche, selbstgewollte Ghetto, das natürlich auf die Umwelt weiter fremdartig wirkt, von ihr nach wie vor ein im selben Maß wachsendes Mißtrauen erfährt, als sich der Sinn dieser Sonderart weiter verflüchtigt. So lange das Judentum noch eine Art anderer Religionsübung war, wurde es eher liberal toleriert, als heute, wo sich jeder fragen muß: wTas ist es denn eigentlich? Krojanker meint, dies sei ein Kapitel, das hier nicht zur Erörterung stehen kann. Gerade um dieses Kapitel aber handelt es sich. Der Zionismus genießt die Hochachtung selbst der Antisemiten. Was aber ist der Inhalt jenes weder orthodoxen noch zionistischen Judentums? Ist es mehr als ein Gemisch von Pietät, Eigensinn und Empfindlichkeit? Der psychologische Inhalt dieses innerlichen Ghettos ist trotz äußerer Aufgabe des alten Gesetzes das Festhalten an der pharisäischen Lebenseinstellung. Die Juden glauben an einen im Sinn menschlichen Verstehens gerechten Gott und daher auch an die Möglichkeit einer gerechten Weltordnung. Die notwendige Folge davon ist, daß der Fromme sich selbst für den Gerechten und beauftragt hält, für das Recht in der Welt zu sorgen. Solange es sich dabei um die Thora handelte, die aus jenen echt religiösen Zeiten stammt, wo fromme Intuition die kosmischen Gesetzmäßigkeiten als Gottes persönlichen Willen erlebte, war die Gefahr allzu buchstäblicher Gesetzesauslegung bloß Lebensverengung und Erstarrung — eine innerjüdische Angelegenheit. Seit aber die Thora aufgegeben ist und jeder Einzelne aus seiner Eingebung zu wissen glaubt, welches Gesetz für die Menschheit das beste sei, ist jenes leerlaufende Pharisäertum übrig 76

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