Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Der jüdisch-christliche Komplex
Date
1925-01-01
Page
75 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101214-3101218-3110421--8051-3110523
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der jüdisch-christliche Komplex die Nächstenliebe, aus dem Pentateuch. Man kann sogar die christliche Ethik zu einseitig und alttestamentarisch nennen und dennoch an dem christlichen Gnaden erlebnis festhalten. Fast scheue ich mich auszusprechen, worin es besteht, ist es doch allbekannt, aber es handelt sich beim Erkennen nie darum, daß man etwas Neues hört, sondern daß einem der Sinn des Bekannten innerhalb eines neuen Zusammenhangs plötzlich aufgeht. Darauf beruht das Wesen aller Bekehrung zu einer Religion, deren Lehre man längst erfahren hatte. Christus kam bekanntlich nicht, um das Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Dadurch erlöste er von ihm und gab der Menschheit eine neue Unschuld, die sich aber wesentlich von der heidnischen Unschuld unterschied. Wenn die Hochzucht eines Menschentypus gelungen ist, sei es der Pharisäer im edeln Sinn, sei es der Gentleman in der oben gegebenen tieferen Bedeutung, kommt der Augenblick, wo entweder Erstarrung innerhalb desselben Gesetzes eintritt, das bisher gerade durch Absonderung höheres Leben ermöglichte, oder aber von führenden Typen die äußere Befreiung vom Gesetz gewagt wird, eben, weil es (natürlich nur an einer beispielgebenden Minderheit) zur zweiten inneren Natur geworden, d. h. erfüllt ist. Sein Sinn kann jetzt von selber aus dem Unbewußten heraus wirken, die Äußerlichkeiten können aufgegeben werden. Darin liegt jene neue Unschuld auf höherer seelischer Entwicklungsstufe. Religiös sind Christus und Paulus diesen Weg über das Pharisäertum hinaus gegangen. Sozial konnte der Engländer, nachdem sein aristokratisches Züchtungsideal erfüllt war, d. h. von innen heraus Fleisch und Blut durchdrungen hatte, Demokrat werden. In Deutschland hat sich das aristokratische Ideal nicht in einem Typus erfüllt, und darum mußte sich der Herr ängstlich in seine Kaste verschließen, nach außen betonen und in seiner menschlichen Entwicklung primitiv bleiben, ja erstarren. Nicht anders ist das Schicksal jenes Pharisäers, der sich als der Hüter des Gesetzes fühlt, der wohl, wie Buber ausführt, zutiefst bestrebt ist, das Gesetz nicht erstarren zu lassen, aber nicht erkennt, dass all dies Bemühen umsonst ist, nachdem die äußeren Formen des Gesetzes sinnlos geworden sind, nicht länger mit Leben erfüllt werden können, seit die Juden nicht mehr zwischen Baals- und Astarteanbetern leben, sondern zwischen Christen. So sehr diese auch oft in ihr blutmäßiges Heidentum zurückfallen mögen, so liegt doch darin keine Gefahr mehr für das Seelenheil der Kinder Israel. 75

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.