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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 73

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Der jüdisch-christliche Komplex
Date
1925-01-01
Page
73 (sequence 6)
Language
German
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Der jüdisch-christliche Komplex ich denke, sie sind ganz ordentliche Leute (quite nice people)", lautete das gewöhnliche Urteil vor dem Krieg. Ohne weiteres ist zuzugeben, daß es nirgend leichter ist, sich an das äußere Leben anzupassen und doch man selbst zu bleiben, als in dem Land des Gentlemanideals, aber das ist gewiß: wenn die Juden in England, ohne die landesübliche gesellschaftliche Art anzunehmen, sich verhalten hätten wie in Deutschland etwa die Anhänger Marxens und Lassalles, so wäre man weniger glimpflich mit ihnen verfahren. Man darf nicht vergessen, daß die englische Arbeiterbewegung nicht marxistisch, vielfach sogar ausgesprochen christlich ist. Wir haben übrigens in Deutschland den Fall des getauften Juden und konservativen Parteiführers Stahl, der beweist, daß etwas ähnliches wie die Laufbahn eines Disraeli auch bei uns nicht ganz ausgeschlossen war, und wir haben ferner den Fall des in Anlage und Charakter Disraeli verwandten Lassalle, der den entgegengesetzten Weg gegangen ist: „Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo." Das war sein persönliches Recht, und ich bin nicht so engherzig, den Juden vorzuschlagen, einfach preußische Konservative zu werden, aber über eines sollten sie sich klar sein: wenn es ihnen in erster Linie darauf ankommt, ein befriedigendes Verhältnis zur deutschen Gesellschaft zu finden, so gibt es nichts Verkehrteres, als sich gleichzeitig auf die Seite des Umsturzes zu stellen. Meinen sie aber das tun zu müssen, so ist es natürlich, daß ihnen, als Fremden, dies bedeutend mehr verübelt wird, als den unzufriedenen Massen, und die Berechtigung der Anklage, daß vorwiegend Juden diese verhetzten, indem sie deren von Tatsachen wohl begründete Unzufriedenheit durch die Theorie des Klassenkampfes vergiften, das kann niemand leugnen. Von Juden wird das Trugbild des „Bourgeois4' zu den Proletariern gebracht, die nun jeden, der über etwas Besitz oder einen ererbten Namen verfügt, persönlich für einen strafwürdigen Ausbeuter des Volkes halten, wodurch alle soziale Verständigung unmöglich wird. Solche „Unfairness" würde in England einfach nicht ertragen werden, und weil sie nicht besteht, ist heute in England auch der Sozialist oft ein Gentleman und gar mancher Gentleman ein Sozialist. Wie gesagt: daß sich der Jude nicht der deutschen Lebensform bemächtigt hat, liegt nicht nur an ihm. Die englische Form kann man sich, wenn man früh genug mit ihr in Berührung kommt, aneignen, aber deutsche Formlosigkeit kann man nicht lernen. Was fand nun der aus dem Ghetto befreite Jude in Deutschland 73

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