Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 72 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Oscar A. H. Schmitz setzen, zur Besinnung gebracht. Er war Engländer geworden und Christ — was das über die Taufe hinaus psychologisch bedeutet, werde ich später sagen — und nicht einen Augenblick ist er dabei seiner stets betonten jüdischen Herkunft untreu geworden. Krojanker irrt, wenn er meint, die Engländer hätten ein besonderes Verständnis für dieses „Asiatie mystery" gezeigt, wie er einmal im offenen Parlament von einem Abgeordneten holländischer Herkunft genannt wurde, worauf er diesem sofort lächelnd „The Batavian graceu seines Witzes bescheinigte. Damit hatte er alle Gentlemen des Hauses auf seiner Seite, während ein deutscher Jude in ähnlichem Falle Zeter schreit, sein Blut für beleidigt erklärt, die Druckerpresse in Bewegung setzt und sehr bald alle Nichtgentlemen auf seiner Seite hat. Wie gesagt, das ist nicht jüdisch, sondern deutsch; die Juden nehmen ja weitgehend an den Fehlern wie Vorzügen ihrer Wirtsvölker teil. Hier kommt es nur darauf an, zu zeigen, daß Disraeli seinen Aufstieg weniger den Gentlemen zu verdanken hatte, sondern der Tatsache, daß er selber ein Gentleman wurde. Man mache sich nicht die Illusion, in England gäbe es keinen Antisemitismus. Wenn er bis zum Krieg nicht hervortrat, so nur, weil der Engländer etwas viel schlimmeres hat: die tiefe Verachtung alles Fremden, wobei er keinen großen Unterschied macht zwischen Juden, Romanen und Slaven. Einen kleinen Vorrang nehmen die Völker germanischer Rasse, selbst bessere Deutsche ein, weil manche ihrer Mitglieder, wenn sie englisch erzogen wurden oder längere Zeit im Land gelebt haben, „quite english" aussehen, aber den rechten Pferdeverstand, auf den es drüben ankommt, haben auch sie nicht. Auf gar keinen Fall stieß Disraeli in England auf irgend welches Verständnis für das Wesen seiner Rasse, aber sein heftiger, stets als jüdisch getadelter — in Wirklichkeit nur out-siderhafte — Ehrgeiz war wahrhaft staatsmännisch. Er erkannte, daß eine Minderheit, die Aufnahme in einer Gemeinschaft sucht, zunächst diese und ihre Art verstehen muß, nicht aber den Anspruch erheben darf, verstanden zu werden, denn dann kann die Gemeinschaft antworten: Ihr interessiert uns nicht. In England haben die Juden nie „a fussu aus ihrem Judentum gemacht, aber bewiesen, daß man mit ihnen auf englische Weise leben kann. Sie verstanden, daß ja auch noch lange nicht jeder Engländer oder Deutsche ohne weiteres in die höhere Gesellschaft aufgenommen ist und dies nur werden kann, wenn er sich ihren Anforderungen persönlich anpaßt. Sehr viele gebildete Deutsche wollen das nicht und bleiben daher ohne Ressentiment draußen. Nie hat sich der Durchschnittsengländer den Kopf über die Juden zerbrochen. „Ich habe nichts gegen sie, 72