Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 71 (sequence 4)
- Language
- German
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Der jüdisch-christliche Komplex deutschen Bürgertum gibt es viele „ Judenstämmlinge", die davon nicht den geringsten Nachteil spüren. Ich habe als ein Muster, wie ein Jude den Abstand zwischen sich und seinem arisch-christlichen Wirtsvolk überbrücken kann, in meinem Aufsatz den englischen Staatsmann Benjamin Disraeli angeführt. Krojanker hingegen will in diesem Fall Disraeli nur ein Beispiel für das Verständnis der Engländer großen Männern gegenüber sehen. Der Raum verbietet, hier auf einzelnes dieser hochbedeutsamen Frage einzugehen. Ich muß auf mein Buch Englands politisches Vermächtniss an Deutschland durch B. Disraeli 1)" verweisen, das den deutschen Konservativen zu judenfreundlich, den Juden zu reaktionär" erscheint. Hier nur so viel: Tatsächlich hatte Disraeli als englischer Staatsangehöriger einen großen Vorteil vor allen deutschen Staatsangehörigen, mögen sie Christen oder Juden sein. Er war unter der Herrschaft des individuellen Gentlemanideals, nicht im Banne des rechthaberischen Individualismus gegen das deutsche Herdenideal aufgewachsen. Bei dem Wort „Gentleman" denkt der Deutsche an Smoking und arrogantes Auftreten. In Wahrheit ist der Gentleman das Ergebnis einer bestimmten Ethik und Erfahrung, der inneren Weisheit und der äußeren Klugheit, die einzige und überzeugende Synthese zwischen Ichtrieb und Gemeinschaftstrieb, die der arische Mensch seit dem Kalos-Kagathos der Antike gefunden hat. Der echte Gentleman ist ein genau so entschiedener Individualist wie der intellektuelle Deutsche und insofern protestantischer Herkunft, aber er sieht jeden Augenblick sein Individuum innerhalb der Gemeinschaft der anderen gleichzeitigen Individuen. So kommt es ihm nie auf theoretische Rechthaberei an, wie sie die ganze Welt uns Deutschen, unsere Juden eingeschlossen, vorwirft, sondern auf Auswirkung seiner individuellen Kräfte innerhalb der, ja durch die jeweiligen Möglichkeiten. Äußerlich erscheint dies oft wie weit kluger Kompromiß und ist es auch oft. Von innen gesehen aber ist es tiefste Erfassung des Polaritätsgesetzes, das allem Werden und Schaffen zugrunde liegt, während der theoretische Individualismus ohne Hinblick auf das Mögliche unipolar, d. h. steril bleibt. Dies hat nun wie kein zweiter, auch wie kein anderer Engländer, Disraeli begriffen und formuliert. Er vermochte es gerade als Fremdstämmiger, der Abstand zu dem hat, was die naiveren Volksangehörigen unbewußt üben. Dadurch hat dieser Jude das Engländertum, das nach den Einflüssen der französischen Revolution schon in Gefahr war, sich zu zer- *) Verlag Georg Müller, München. 71