Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 65

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Soziologie des Judenhasses
Date
1925-01-01
Page
65 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101214-3101218-3110420--8040-3110513
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Soziologie des Judenhasses sein, daß alle in Haßsentiments umgesetzte Schmerzen ihren Weg in eine Art von Reservoir nehmen; dabei kann dann unentschieden bleiben, inwieweit sich im Reservoir selbst noch Veränderungsprozesse abspielen, welche etwa unter dem Einfluß von entgegengesetzten, also freudigen Empfindungen entstehen können. Die populäre Auffassung der Dinge zeichnet sich selten durch Konsequenz im Denken, aber oft durch scharfe Beobachtung von Einzelheiten aus. Es ist eine ganz geläufige Vorstellung, daß jemand viel hat „schlucken" müssen, daß er daher geladen" ist, daß ihm endlich einmal die „Galle überläuft", daß er seinem Ärger, seinem Haß, seiner Wut einmal ,,Luft machen muß". Damit ist auf einfache Weise das Bild angedeutet, das man sich in der Tat von diesen Zusammenhängen notwendigerweise machen muß. Alle Schmerzen, welcher Herkunft auch, setzen sich zu Feindschaftsgefühlen um, welche gewöhnlich nur zum kleinsten Teil und mit ganz ungenügenden Mitteln geäußert werden können. Sie stauen sich also auf. Im Menschen sind stets Vorräte aufgestauter Haßsentiments vorhanden, die ihm primär eine starke Disposition zur Äußerung solcher Gefühle verleihen. Natürlich ist diese Disposition individuell und zu verschiedenen Zeiten verschieden, wie ja auch die Schmerzempfindlichkeit, die Geschicklichkeit und Art der psychischen Verarbeitung individuell verschieden ist. Aber vorhanden ist diese Disposition in jedem Menschen. Man hat dann anzunehmen, daß eine außerordentliche Zufuhr von Haßgefühlen den Druck im Reservoir so sehr erhöht, daß die normalen kleinen Ventile nicht mehr genügen und ein gewaltsamer Ausbruch stattfindet; vor allem aber wird auch die eintretende Möglichkeit zur Entladung verborgene Feindschaftssentiments an die Oberfläche ziehen, und außerordentliche Möglichkeiten werden immer einen außerordentlich und unvermutet großen Vorrat der heftigsten und gewalttätigsten Feindschaftsinstinkte zutage fördern. Da im Menschen stets Haßvorräte aufgespeichert sind, kann sich deren Äußerung niemals in adäquater Weise auf die ursprünglichen Erreger des Hasses richten, und in den seltensten Fällen auf Personen, die mit dieser Erregung überhaupt im Zusammenhang stehen; vielmehr wird die Haßäußerung in die Richtung eines vorhandenen Vorwandes oder Anlasses geleitet. Welcher Art dieser Vorwand ist und worin seine Eignung zu dieser Funktion besteht, wird sich sogleich herausstellen. Vorläufig ist klar, daß die Haßäußerung, also die Entladung eines aufgestauten Vorrats von Feindschaftsgefühlen, selten im rechten Verhältnis zum Anlaß stehen kann; die Feindschaftsäußerung 5 Der Jude, IX, Sonderheft III. 65

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.