Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Soziologie des Judenhasses
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 64 (sequence 8)
- Language
- German
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F. Bernstein Wir versuchen jetzt über den Mechanismus dieses Prozesses noch einige nähere Vorstellungen zu gewinnen. Die Übertragung von Feindsehaftsgefühlen auf Menschen, die an ihrem Entstehen unschuldig sind, bietet, wie wir gesehen haben, keine allzu großen Schwierigkeiten. Es muß sich dazu nur die Vorstellung einer Schuld einstellen, welche die zukünftigen Objekte der Feindschaftsäußerung auf sich geladen haben sollen. Wenn es angeht, wird ein Zusammenhang zwischen der Entstehung des Schmerzes und einer Schuld der ausersehenen Feindschaftsobjekte konstruiert; ist das nicht möglich, dann können deren wirkliche Verfehlungen auf anderem Gebiete als Anlaß Dienst tun; aber die Schuld Vorstellung entsteht auch ohne jeden objektiven Grund, da die Objekte ja immer schlechter Eigenschaften und böser Absichten geziehen werden können. Weit beschwerlicher gestaltet sich die Äußerung der Feindschaftsgefühle. Unser Kaufmann kann zwar von Zeit zu Zeit seine Wut an seinem Personal auslassen; aber er kann es dabei im wesentlichen nur mit bösen Worten kränken, während er vielleicht lieber dreinschlagen möchte; und die Notwendigkeit, sich brauchbare Hilfskräfte zu erhalten, zwingt ihn, die Geduld des Personals nicht auf eine allzu harte Probe zu stellen. Der Hassende muß die materielle Macht besitzen, anderen Personen Schmerz zuzufügen, und zwar möglichst ohne Aussicht auf Gegenschädigung. Diese Macht besitzt er normalerweise nur in geringem Maße, während dagegen in ganz normalen Fällen die Schmerzwirkung überwältigend sein kann. In unseren Verhältnissen verschafft manchmal die Justiz für die schwersten Schädigungen eine indirekte Rache; aller aus unpersönlichen Quellen stammende Schmerz findet überhaupt keine Vergeltung; und außer dem verletzenden Wort, hier und da der List, und in sehr beschränktem Umfang der körperlichen Züchtigung, verfügt der Hassende nicht über andere Äußerungsmittel seiner feindlichen Gefühle. Selbst der Gebrauch dieser ganz inadäquaten Äußerungsmittel setzt noch den Besitz einer häufig fehlenden Macht oder Fähigkeit voraus. Die Überzahl der Unfreundlichkeitsgefühle, und zwar gerade der stärksten, findet normalerweise keinen Ausweg, sondern wird aufgestaut. Die moderne Psychologie hat uns mit der Erscheinung vertraut gemacht, daß die menschliche Seele Instinkte und Triebe enthält, welche unter die Schwelle des Bewußtseins gebannt, aber nicht in ihrer Kraft gebrochen sind, und immer wieder an die Oberfläche kommen können. Die Vorstellung dürfte nicht unberechtigt 64