Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Soziologie des Judenhasses
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 63 (sequence 7)
- Language
- German
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Soziologie des Judenhasses erfüllung Marter, die Erfüllung Enttäuschung, Quelle neuen Verlangens, neuer Pein ist. Jedes Glück, seinem Wesen nach nur beseitigter Schmerz, erhöht wieder die Unglücksmöglichkeit, die Schmerzempfindlichkeit, und an seiner Dauer muß es zugrunde gehen. Eine unsichere Existenz ist von steten Gefahren umringt und von den unvorhergesehensten Wechselfällen bedroht; ein höchst verletzlicher Leib verursacht häufige und oft unerträgliche Schmerzen, während das am heftigsten gefürchtete, am tiefsten verabscheute Ereignis, der Tod, eine tägliche Drohung ist, die sich schließlich immer erfüllt. Dabei sind die Menschen noch aus körperlicher Schwäche und geistiger Armut gezwungen, so nahe beieinander zu leben, daß sie sich fortwährend im Weg stehen müssen. Nicht nur diese unvermeidliche Reibung erzeugt Schmerzen, die sich zu Feindschaftsgefühlen umsetzen; man kann vielleicht sagen, daß sie nur einen geringen Teil der menschlichen Schmerzen ausmachen; denn schließlich sind die Mitmenschen, ganz anders als die dunklen Gewalten des Schicksals, mit menschlichem Gefühl begabt, also des Mitgefühls fähig und in viel höherem Maße als man es sich gewöhnlich klarmacht, von dem Streben erfüllt, einander Schmerzen zu ersparen. Vielleicht kann man sogar noch weitergehen und sagen, daß in dem Auf und Nieder von Freude und Schmerz bei jedem Menschen in hohem Maße eine ursprüngliche Gegebenheit waltet, in welche die äußeren Geschehnisse nur akzentuierend eingreifen; jedenfalls aber setzen sich alle Schmerzen und auch gerade die, welche kein einziger Mensch verursacht haben kann, in Unfreundlichkeitsgefühle um, die auf Menschen projiziert werden: Der gesamte M e n s c h e n s c h m e r z muß als Menschenhaß in die Menschengemeinschaft hineingetragen werden. Feindschaft ist auf Nebenmenschen projizierter Schmerz1). i) Am quälendsten sind vielleicht die Schmerzen, die der Mensch durch sein eignes Wesen leidet oder sich aus seinen eignen Taten zuzieht: Unzufriedenheit über mangelnde Fähigkeit, Ärger über eigene Fehler, Reue über eigene Verfehlungen, innerliche Zerfallenheit mit sich selbst. Auch das so entstandene Leiden muß auf Nebenmenschen gerichtet werden und da das Rechtfertigungsbedürfnis immer die Anknüpfungspunkte sucht, welche die Vernunft am ehesten befriedigen, richtet sich dieser Haß vorzugsweise auf Menschen, die dem Hassenden in den Punkten der Schmerzentstehung ähnlich sind; das sind naturgemäß in erster Linie die nächsten Familienmitglieder und danach die Volksgenossen; so haßt man in ihnen das, woran man selbst leidet und auf diese Weise entsteht der Haß als Projektionserscheinung in dem beschränkteren Sinn von Weininger. 63